Ausbildung

27. August 2016

Warum „Spielchen“ mit hydraulischen Rettungsgeräten nichts für die Ausbildung bringen!

In der letzten Zeit verkommen mir mal wieder sehr viele Bilder, Berichte und Videos von „tollen“ Ausbildungsveranstaltungen mit hydraulischen Rettungsgeräten bei Feuerwehren. Dabei werden dann Eier oder gefüllte Wasserbecher mit den Geräten von A nach B transportiert, oder Jenga* mit dem Spreizer gespielt.

Doch bringen uns diese „Spielchen“ wirklich was um zukünftig schneller zu retten und mit den Geräten besser umgehen zu können?

*Das ist dieses Geschicklichkeitsspiel bei dem kreuzweise gestapelte Holzklötzchen herausgezogen und oben wieder aufgesetzt werden müssen.

Welchen Nutzen ziehen wir aus diesen Spielchen?

Grundsätzlich es es ja immer unsern Anliegen unsere eh schon sehr knapp bemessene Ausbildungszeit dafür zu verwenden uns bestmöglich auf den Einsatz vorzubereiten, Abläufe zu verinnerlichen und mit den uns zur Verfügung stehenden Geräten bestmöglich umgehen zu können. Daher sollte schon im Vorfeld das zu erreichende Ausbildungsziel der Übungseinheit klar definiert sein. Wenn ich mir nun diese Art der Ausbildung für hydraulische Rettungsgeräte ansehe, dann kommt hier wenn überhaupt nur der bessere Umgang mit den Geräten zum tragen. Denn ich habe im Einsatz noch nie ein Ei mit einem Rettungsspreizer transportieren müssen!

Spreizer_Jenga

Jenga-Spiel mit dem Spreizer

Doch in wiefern lernen wir dabei die Geräte richtig bedienen zu können? Wir trainieren das Aufnehmen eines rohen Ei mit einem Gerät das dazu gebaut wurde um mit möglichst großer Kraft verklemmte Fahrzeugtüren aufzubrechen und greifen gefüllte Wasserbecher mit einem Schneidgerät das extra darum gekauft wurde weil es genug Leistung hat um verstärkte Fahrzeugsäulen zu schneiden? Wir ziehen Holzblöcke möglichst vorsichtig aus unserem Unterbau obwohl wir ein Gerät in der Hand halten mit dem wir möglichst schnell eine Einklemmung eines Patienten beseitigen wollen?

Ich weiß – ganz schön viele und gemeine Fragen! Aber sie sind wichtig!
Was ich damit sagen will: Wir verwenden die Geräte bei diesen Spielchen zwar, aber völlig anders als wir es später im Einsatz brauchen. Und was wir trainieren das machen wir unter Adrenalin dann auch so im Einsatzfall! Also nennen wir das Kind doch auch beim Namen, ein „Spiel mit hydraulischen Rettungsgeräten“ um Spaß zu haben und den Gruppenzusammenhalt zu stärken, aber keine Ausbildung am Gerät.

Wie geht es besser?

Ich hoffe es hat bis hierhin jeder verstanden was ich damit sagen will!?
Setzen wir uns also wirklich das Ausbildungsziel den einsatzrelevanten Umgang mit den Geräte zu verbessern und nicht nur gemeinsam etwas Spaß zu haben. Dann fallen wir sofort Punkte ein wie:

  • Geräte möglichst ergonomisch halten und auch mit voller Schutzkleidung richtig bedienen können
  • Im Dunkeln möglichst schnell und sicher am Unfallfahrzeug arbeiten
  • Rettungsöffnung möglichst erschütterungsfrei schaffen
  • Unterbau gleichmäßig und stabil genug setzen
  • Möglichkeiten kennen falls es zu einem Geräteausfall kommt

All das kann ich auch mit diesen Spielen trainieren, ich muss sie nur etwas abändern um daraus eine richtige Ausbildung zu machen! Und damit ich nicht nur kritisiere hab ich hier natürlich auch die passenden Ideen für euch:

Übungsidee 1
Stellt einen randvollen Wasserbecher oder ein rohes Ei auf das Dach eines verformten Schrottfahrzeuges und versucht eine Rettungsöffnung zu schaffen ohne Wasser zu verschütten oder das Ei herunter fallen zu lassen. Plötzlich arbeitet ihr mit realistischem Kraftaufwand und Geräteanwendung, müsst aber trotzdem Feingefühl aufbringen und euch absprechen!

Übungsidee 2
Baut einen Kreuzverbau aus Holz aka „Jenga-Stapel“ auf unebenem Untergrund zur Sicherung unter einen LKW-Trailer (im Dunkeln). Plötzlich wird es sehr schwer den genau so fein-säuberlich aufzutürmen und genug Material zur Verfügung zu haben damit man die Last wirklich aufnehmen kann.

Übungsidee 3
Lasst eine Gruppe von euch ausgesuchte Klötze aus einem Jenga-Stapel herausbauen ohne das der Stapel umkippt. Jetzt ist aber eine zusätzliche Sicherung mit Feuerwehr-Mitteln erlaubt (auch weil es sonst unmöglich wäre). Und schon habt ihr eine Lage in der wirklich und vor allem kreativ unterbaut werden muss.

Übungsidee 4
Lasst ein Ei mit dem Spreizer von A nach B transportieren und plötzlich fällt der Spreizer aus. Wie kann man das Ei jetzt mit den zur Verfügung stehenden Ausrüstungsgegenständen über die gleiche Strecke transportieren ohne es in die Hand zu nehmen. Das schult Entscheidungsfindung, Teamgeist und alternatives Denken.

Übungsidee 5
Und wenn es schon diese Spiele sein müssen, dann macht sie mit vollständiger Schutzausrüstung (Handschuhe, Helm mit Visier und Schutzbrille, …), im Dunkeln nur mit Helm- und Taschenlampen, oder lasst nebenher Wasser regnen um Regen zu simulieren.

Immer mit kompletter Schutzausrüstung!

Egal ob ihr Ausbildung mit eurer Ausrüstung betreibt oder einfach nur just-for-fun ein solches Spiel spielt. Tragt immer zu eurem eigenen Schutz die vollständige Schutzkleidung! Immerhin arbeitet ihr hier mit 700 bar Druck und mechanisch beweglichen Geräten. Die Geräte wissen nicht ob ihr gerade spielt oder ein Leben rettet, sie machen genau dass wofür sie gebaut wurden und zwar ohne Rücksicht ob da gerade eure ungeschützte Hand dazwischen steckt oder ihr keine Schutzbrille auf habt die den Splitter aufhält.

Und was sich in der Übung einbürgert das zeigt sich dann auch leider viel zu oft im wirklichen Einsatz. Mal ganz abgesehen davon dass sich die Geräte plötzlich ganz anders bedienen lassen wenn uns unsere PSA dabei einschränkt.

Mein Fazit zum Thema

Ich zitiere hier jetzt mal meinen Ausbilder-Kollegen und Freund Eric Rickenbach aus den USA: „Jede Ausbildung ist gut, aber nicht jede Ausbildung ist eine gute Ausbildung!“

Spielen und Spaß haben ist sehr wichtig und motiviert! Wir sollten aber in unserer limitierten Ausbildungszeit die uns jährlich zur Verfügung steht möglichst Ziele verfolgen die uns auch wirklich weiter bringen und eine schnellere, sichere und effektivere Rettung für unsere Kunden ermöglicht. Daher definiert bitte im Vorfeld das jeweilige Übungsziel genau und richtet den Ablauf der Ausbildung darauf aus, dieses Ziel möglichst realistisch zu erreichen. Hier machen Kleinigkeiten schon einen großen Unterschied!

Eure Teilnehmer werden es euch danken wenn sie von Anfang an klar erkennen warum diese Übung gemacht wird und was sie ihnen für den späteren Einsatz bringt. Zeigt ihnen also nicht nur wie man es richtig macht, sondern auch warum und weshalb lieber mit „Plan A“ statt „Plan B“. Es geht nicht um das Spielchen als solches, sondern warum und wie es gespielt wird.



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Der Autor dieses Artikels:

Patrick Allinger
Ich bin ein begeisterter Feuerwehrmann, der sich vor allem für den Bereich der technischen Hilfeleistung und für die Unfallrettung interessiert. Beruflich bin ich zuständig für das Produktmanagement bei WEBER RESCUE Systems in Österreich. Auf dieser Seite möchte ich mein gesammeltes Wissen an andere Einsatzkräfte und interessierte Besucher weitergeben, um sie im Einsatzalltag zu unterstützen.





  1. Oli

    Hallo,

    Ich kann die Intention dieses Artikels verstehen. Trotz Spaß sollte man nicht vergessen dass es sich am Ende des Tages nicht um Spielzeug handelt. Auch ich befasse mich mittlerweile aus den unterschiedlichsten Gründen fast lieber, auf alle fälle aber intensiver mit der Rettung aus verunfallten Fahrzeugen. Als Gruppenführer und Jugendwart muss ich auch attraktive und dennoch sinngebende Übungsdienste erstellen.
    Da ich in anderem Rahmen auch teilweise mit Pädagogik und Didaktik zu tun habe muss ich hierbei anmerken, dass solche Übungen, wie oben beschrieben, trotz der unrealistischen Gegebenheiten sehr gut sind. Man macht sich mit dem Gerät vertraut, lernt das man es gezielt einsetzen kann. Zudem erkennt man die einfache Handhabung, verliert die Angst, kann das Gewicht anders einschätzen und bekommt ein Gespür für die „Macht“ des Werkzeuges. Natürlich kommt noch die Tatsache hinzu so auch schnell einen Übungsdienst zu praktizieren, Autos stehen nicht immer zur Verfügung. Für die JF wäre dieses auch zu gefährlich.
    Ein kleiner Vergleich: Am Anfang lernt man mit dem Stift Linien, Schlangen und gerade Striche malen, dann einzelne Buchstaben in Linien schreiben und dann erst das Wort, das, was am Ende entscheidend ist. Der vergleichbare Punkt sind hier das Vertrauen mit dem Arbeitsgerät, dann erst die Grundlagen, zum Schluss die wirkliche Arbeit. Entscheidend ist die Form der Vermittlung, das was den Teilnehmern erzählt wird.
    Wie gesagt, ich verstehe die Absicht des Artikels, sehe aber eher Vor als Nachteile in solchen Diensten.


  2. Alexander

    Hallo!
    Vorab erstmal ein Lob dafür, dass uns durch Euch eine Menge Informationen und Erfahrungen zur Verfügung gestellt werden. Wir werden in Kürze erstmals mit einem Rettungssatz ausgestattet, und ich bin als Gruppenführer auch für die Einarbeitung in die Geräte zuständig.
    Ich möchte mich dem Kommentar von Oli anschließen. Gerade wenn man die Geräte noch nie in der Hand hatte, schadet es aus meiner Sicht nicht, wenn man mit Gewöhnungsübungen anfängt. Die Bedienung der Geräte und das Kennen der „Einsatzgrenzen“ muss im Einsatzfall sicher sitzen. Und da wir uns nicht zu jedem Dienst ein Unfallwagen besorgen können, darf und sollte auf solche oder andere Spiele zurückgegriffen werden. Sobald die Bedienung sitzt, sollte natürlich auf eine Einsatzrealistische Ausbildung gesetzt werden. Leider (oder auch zum Glück), werden bei uns maximal 3 Einsätze pro Jahr erwartet (Statistiken der letzten Jahre), so dass wir wahrscheinlich kaum Erfahrungen am Einsatzort sammeln können.



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