Einsatztaktik

13. November 2014

Rettungstechnik – „Roof Sectioning“

Auch beim sogenannten „Roof Sectioning“ das man recht gut mit „teilweiser Dachöffnung“ ins Deutsche übersetzen kann, geht es darum eine große Rettungsöffnung zu schaffen, aber möglichst wenig Zeit mit dem Durchtrennen von gehärteten Materialien zu verlieren. Darum wird das Dach nicht komplett abgenommen, sondern nur über dem Patienten zur Seite geklappt. Der dabei enstehende Platz reicht für eine achsengerechte Rettung ohne Probleme aus!

Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Roof Sectioning

Natürlich kann man diese Methode in vielen unterschiedlichen Versionen und Ausprägungsgraden anwenden, je nachdem wie stark und an welchen Stellen das Unfallfahrzeug verformt, und wo der Patient darin eingeklemmt ist. In diesem Beispiel gehen wir von einem Patienten auf dem Beifahrersitz aus, da es sich um einen Dreitürer handelt fällt die große Seitenöffnung weg (und man hat sich warum auch immer gegen die 3-Tür zur Vergrößerung der Öffnung entschieden).

Nun wird versucht mit wenigst möglichen Schnitten in gehärteten Komponenten wie den Säulen eine möglichst große Öffnung zu schaffen. Dies mag im ersten Moment sehr gekünstelt aussehen, erfüllt aber tatsächlich seinen Zweck. Statt 6 Schnitten in den Säulen (die bei neuen Fahrzeugen schon einmal 3-4 Minuten pro Schnitt in Anspruch nehmen können) muss hierbei nur zweimal in den Säulen geschnitten werden, der Rest erfolgt in „weichem“ Material.

Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Rettungstechnik "Roof Sectioning"

Die folgenden Schritte sind dafür notwendig:

  1. Innenraum erkunden und die Schnittstellen entsprechend markieren. Dabei ist zum einen darauf zu achten, dass möglichst weit unten an der A und B-Säule angesetzt wird (dann muss nicht doppelt geschnitten werden) und das hinter der Verkleidung des Fahrzeuges kein Airbag-Generator oder die Gurthöhenverstellung sitzt. Damit das Dach auch anschließend geklappt werden kann sind 2 Entlastungsschnitte notwendig, die auch gleichzeitig die Größe er Öffnung beschreiben.
  2. Wenn nötig die Frontscheibe zwischen dem Schnitt an der A-Säule und dem vorderen Entlastungsschnitt durchtrennen. Hierfür muss nicht unbedingt wie hier abgebildet eine Säbelsäge (erzeugt sehr viel feinen Glasstaub) verwendet werden. Durch den Einschnitt an der A-Säule in die Frontscheibe kann auch sehr gut das Halligan-Tool angesetzt werden. Bricht man die Scheibe damit auf entstehen nur große (nicht lungengängige) Splitter. Mehr dazu hier im Artikel zum Glasmanagement bei VSG.
  3. Anschließend wird an den zuvor angezeichneten Stellen geschnitten. Nach Möglichkeit zuerst die Säulen und anschließend die Entlastungsschnitt im Dach, damit ist mehr Stabilität zum Schneiden der verstärkten Säulen vorhanden und sie wandern deutlich weniger in Richtung der Patienten. Je tiefer die Entlastungsschnitte ins Dach hinein ragen, desto leichter kann das Dach umgeklappt werden.
  4. Dach unter zu Hilfenahme eines Seils, Spanngurtes oder Rope-Rachet zur Seite ziehen und entsprechend fixieren. Ist das Dach zusätzlich verstärkt sodass es sich nicht mit reiner Muskelkraft bewegen lässt kann man natürlich als Hilfe auch noch einen Rettungszylinder einsetzen. Anschließend auf jeden Fall alle scharfen Kanten abdecken, damit der Patient bei der Rettung aus dem Fahrzeug (aber auch die Mannschaft) nicht verletzt wird!

Fazit

Diese Rettungstechnik ist sicher nicht die gebräuchlichste da man oftmals deutlich mehr mache will oder an so einen „komplizierten“ Weg gar nicht erst denkt. Man sollte sie aber trotzdem auf jeden Fall mit in einer Schublade liegen haben. Spätestens wenn ein zweites Fahrzeug auf dem Dach liegt, es sich um einen Unterfahrunfall handelt oder anderweitig nur ein Teil des Daches zugänglich ist, kann man mit dieser Methode sehr viel Zeit sparen.

Außerdem kann man das Roof Sectioning auch alleine mit der Säbelsäge sehr gut bewerkstelligen. Damit kann es auch eine schnelle Lösung ohne hydraulischen Rettungssatz sein. Natürlich nimmt man den Lärm und die Erschütterungen in Kauf.

Wer hat diese Technik schon einmal angewendet oder beübt? Habt ihr weitere Bilder von verschiedenen Versionen des Roof Sectioning?



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Der Autor dieses Artikels:

Patrick Allinger
Ich bin ein begeisterter Feuerwehrmann, der sich vor allem für den Bereich der technischen Hilfeleistung und für die Unfallrettung interessiert. Beruflich bin ich zuständig für das Produktmanagement bei WEBER RESCUE Systems in Österreich. Auf dieser Seite möchte ich mein gesammeltes Wissen an andere Einsatzkräfte und interessierte Besucher weitergeben, um sie im Einsatzalltag zu unterstützen.





  1. Andreas

    Hallo Patrick,
    sehr interessanter Artikel, wie auch die anderen zu den verschiedenen Rettungstechniken. Ich habe allerdings eine andere Frage, da ich durch das Bild wieder darauf gestoßen bin. Was für „Rollen“ werden benutzt um die Schutzdecken an den Holmen etc. zu befestigen?
    Viele Grüße Andreas


  2. Dominic

    Hallo Patrick

    Interessantes Vorgehen, insbesondere auch bei Lieferwagen mit entsprechenden Aufbau hinter dem Führerhaus.

    Was mir in dieser Beschreibung noch nicht ganz klar ist: Für die achsengerechte Rettung des Patienten muss dieser mit dem Rettbrett nach oben hin entnommen werden. Welche Mittel wendet ihr an, um den Patienten in einem sauberen Durchgang auf das Rettbrett (Spineboard) zu ziehen? LKW Bühne? Oder Ladeboardwand von einem Logistikfahrzeug?

    Oder wird der Patient auf einem anderen Weg geborgen?
    Grüsse Dominic


    • Hallo Dominic,

      das geht mit 6-8 Mann auch wunderbar ohne zusätzliches Hilfsmittel. In einem „sauberen“ Durchgang ohne Unterbrechungen ist es sowieso nicht möglich, sodass hier auch die Position am Brett getauscht werden kann. Wenn die Höhe natürlich zu viel wird, kannst du natürlich mit der Plattform ect. die Arbeit erleichtern.


  3. Winfried Wengenroth

    Hallo Patrick,
    das ist ein wirklich interessanter Artikel. Ich selber habe eigentlich gar keine Ahnung von Rettungstechniken und bin sehr begeistert, dass ich hier einen kleinen Einblick bekomme.
    Lg Winni



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