Ausbildung

3. September 2014

Retten vs. Bergen – Werden wirklich nur Tote geborgen?

Retten vs. Bergen

Heute möchte/muss ich mich einem Thema widmen, dass mich immer wieder mal aufregt. Es geht dabei um die fachlichen Unterschiede zwischen den beiden „Fachbegriffen“ retten und bergen, die nach Ansicht vieler Kameraden ständig von der Presse falsch verwendet werden.

Aber ist da wirklich so?

Die Presse schreibt immer wieder, vor allem im Zusammenhang mit Verkehrsunfällen (und da haben wir auch den kleinen Bezug zu meinem Hauptthema), dass „der Verletzte von der Feuerwehr aus dem Unfallfahrzeug geborgen wurde“. Darauf wird von Kameraden der Hilfsorganisationen häufig mit heftiger Kritik gekontert und den Journalisten schlampige und vor allem die Tatsachen verfälschende Arbeit vorgeworfen. Denn es herrscht die Meinung: Lebende werden gerettet und nur Tote geborgen! Dabei ist diese Kritik in den meisten Fällen überhaupt nicht berechtigt, wenn man sich die geltenden Definitionen zu beiden Begriffen einmal genauer anschaut.

Definition von „retten“

Bei der Definition des Begriffes „retten“ sollte eigentlich eine einstimmige Meinung herrschen, daher erwähne ich diese nur kurz, gehe aber noch nicht näher darauf ein:

Retten bedeutet das Abwenden eines lebensbedrohlichen Zustandes durch lebensrettende Maßnahmen und/oder durch Befreien aus einer lebensbedrohlichen Zwangslage (DIN 13050:2002-09).

Wichtig ist hier also das Abwenden eines lebensbedrohlichen Zustandes durch medizinische Maßnahmen, aber auch durch das Befreien aus eine Zwangslage, die für sich alleine eine Bedrohung für das Leben darstellt (z.B. Befreiung aus einem brennenden Gebäude oder die Beseitigung einer Einklemmung an der Brust, die die Atmung unmöglich macht).

Definition von „bergen“

Da vor allem die Definition und Bedeutung von „bergen“ das Problem darstellt, werde ich dies nun folgend etwas genauer beleuchten und dafür gleich mehrere Quellen anführen:

Die Definition und Herkunft von „bergen“ nach dem Duden

Wenn es um die genaue Bedeutung von deutschen Wörtern geht ist der Duden eine der ersten Anlaufstellen für eine genauere Betrachtung. Allerdings findet sich bei der Suche nach dem Verb „bergen“ kein einziger Hinweis darauf, dass dieses Wort sich auf Tote bezieht.

Stattdessen ist die Rede von „retten, in Sicherheit bringen“ und „verbergen, verstecken, verhüllen“ bzw. „schützend verbergen“. Betrachtet man sich die Herkunft des Wortes etwas genauer, wird auch klar warum. Bergen stammt vom mittelhochdeutschen „bergen“ bzw. vom althochdeutsch „bergan“ was wahrscheinlich ursprünglich „auf einer Fluchtburg unterbringen“ bedeutet hat. Dies deutet also darauf hin, dass lebende! Personen in Sicherheit gebracht werden, aber es ist keineswegs die Rede von Tod und/oder Leichen.

Die Gesellschaft für deutscher Sprache über „retten“ und „bergen“

Auch die Gesellschaft für deutscher Sprache hat sich dieser Problematik angenommen und ergründet den Unterschied der beiden Begriffe genau. Für alle die es genau nachlesen wollen habe ich die entsprechende Seite oben verlinkt. Wichtig sind mir hier aber nur die Kernaussagen:

Die Wörter retten und bergen werden im Bezug auf Rettungs- bzw. Bergungsaktionen bei Verschütteten oft synonym verwendet und in manchen Kontexten ist diese Verwendung auch korrekt, dennoch sind die beiden Verben nicht gleichbedeutend.

„Bergen“ ist also keineswegs gleichbedeutend mit „retten“ allerdings können beide Begriffe, abhängig von der Situation auf die sie angewendet werden, für die gleichen Tätigkeiten verwendet werden.

So ist der Unterschied zwischen retten und bergen im Bezug auf die Befreiung von Verschütteten in erster Linie der, dass sowohl Tote als auch Lebendige geborgen werden können, allerdings kein bereits Verstorbener gerettet werden kann.

Ein Beispiel für eine synonyme Verwendung ist also die Befreiung von Verschütteten. Hier werden sowohl lebende als auch tote Menschen geborgen. Allerdings kann kein Toter gerettet werden, was damit schon impliziert, dass „retten“ mit der Abwendung des Totes zu tun hat (dazu aber später noch mehr).

Sprachgebrauch durch die Feuerwehrdienstvorschrift 2

Aus der Feuerwehrdienstvorschrift 2 geht die eigentliche Verwirrung in diesem Fall aus. Trotzdem ist es wichtig diese hier noch einmal zu erwähnen, um die Bedeutung der letzten und entscheidenden Quelle zu verdeutlichen. In dieser FwDV wird explizit zwischen der „Rettung“ von Lebewesen und „Bergung“ von Gegenständen bzw. Toten unterschieden. Dies beruht auf dem Abschnitt „Teil I Rahmenrichtlinien“ mit der Formulierung „Bergung von Sachen“ und der „Rettung als Tätigkeit zur Befreiung von Personen aus lebensbedrohlichen Zwangslagen und In-Sicherheit-Bringen von Personen“ aus Abschnitt „2.2.1 Truppmannausbildung Teil I“. Eine Begriffsdefinition findet jedoch nicht statt. Aus diesem Grund müssen wir noch eine Ebene höher gehen, um eine verbindliche und genaue Definition für den Feuerwehrbereich zu erhalten.

Wörterbuch für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe

Zum Schluss kommen wir zur wichtigsten Quelle aus der wir die genaue Bedeutung der beiden Begriffe ableiten können. Das Wörterbuch für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe der Ständigen Konferenz für Katastrophenvorsorge und Katastrophenschutz (SKK), aus dem übrigens auch die obige Definition von „retten“ stammt. Diese Definitionen sind auch für die Feuerwehr entscheidend, da die Feuerwehr ein ständiges Mitglied der SKK ist und damit diese festgesetzten Vorgaben gelten, wenn nichts separat in den Feuerwehr-Dienstvorschriften vermerkt ist.

Bergung
umfasst Maßnahmen zur Befreiung von Menschen oder Tieren, die durch äußere Einwirkungen in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind.

Diese Definition schließt die Anwendung auf Tote nicht aus, begrenzt den Begriff aber auch nicht rein auf diesen Fall. „Bergen“ kann also auch für lebende Personen verwendet werden, die aus einer Zwangslage befreit werden, aus der sie nicht alleine heraus kommen. Also z.B. eine Einklemmung in einem Unfallfahrzeug, oder die Verschüttung in einem Gebäude/Schacht oder der Gleichen.

Fazit

Es ist also weder in der deutschen Sprache, noch in den geltenden Definitionen der Hilfsorganisationen die Rede davon, dass der Begriff „bergen“ oder „Bergung“ nur in Zusammenhang mit Toten verwendet werden darf, ganz im Gegenteil! Für viele Bereiche unserer Arbeit können sie sogar synonym verwendet werden.

Um hier noch einmal speziell auf die Unfallrettung ein zu gehen:

Die hauptsächliche Arbeit der Feuerwehr bei einem Verkehrsunfall ist das Befreien der Person aus dem Fahrzeug. Bei dieser Tätigkeit kann viel mehr von einer Bergung (Befreiung von Menschen, die durch äußere Einwirkungen in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind) als von einer Rettung (Abwenden eines lebensbedrohlichen Zustandes durch lebensrettende Maßnahmen und/oder durch Befreien aus einer lebensbedrohlichen Zwangslage) gesprochen werden. Denn durch die eigentliche Entklemmung wird in den meisten Fällen kein lebensbedrohlicher Zustand abgewendet. Das eigentlich lebensbedrohende sind die Verletzungen, die nur innerhalb des Fahrzeuges nicht hinreichend versorgt werden können. Die eigentliche Abwendung dieser Verletzungen (das Retten) geschieht erst nach der Befreiung aus dem Fahrzeug.

Das ist auch der Grund warum die hydraulischen Rettungsgeräte früher als „Bergesatz“ (übrigens heute z.B. in Österreich immer noch) bekannt waren. Nicht weil damit nur Tote aus den Fahrzeugen geschnitten wurden, sondern weil hiermit lediglich die Einschränkung der Bewegungsfreiheit abgewendet wird.

Es ist also durchaus legitim bei einem Verkehrsunfall von „bergen der Verletzten“ zu reden und zu schreiben. In den meisten Fällen läuft beides parallel ab, wobei die Formulierung „wurde von der Feuerwehr aus dem Fahrzeug geborgen“ tatsächlich fachlich völlig korrekt ist. Es kommt also immer darauf an von welcher genauen Handlung gesprochen wird.

Also bitte spart euch, mir und den Journalisten in diesen Fällen wertvolle Nerven und hört auf diese Verwendung der Begriffe zu verbessern. Viel wichtiger wäre es der Bevölkerung den Unterschied begründet zu erklären, damit auch der alltägliche Sprachgebrauch korrigiert wird. Dann können wir uns alle das Verbesserung und Kritisieren der Artikel sparen und uns wieder wichtigeren Dingen widmen, von denen es mehr als genug gibt. Danke!



Artikel teilen:

Der Artikel hat dir gefallen? Dann teile ihn doch bitte mit deinen Freunden:


Der Autor dieses Artikels:

Patrick Allinger
Ich bin ein begeisterter Feuerwehrmann, der sich vor allem für den Bereich der technischen Hilfeleistung und für die Unfallrettung interessiert. Beruflich bin ich zuständig für das Produktmanagement bei WEBER RESCUE Systems in Österreich. Auf dieser Seite möchte ich mein gesammeltes Wissen an andere Einsatzkräfte und interessierte Besucher weitergeben, um sie im Einsatzalltag zu unterstützen.





  1. Kai Schmidt

    Fachbegriff vs. Alltagsbegriff

    Die Probleme kommen einfach daher, dass sich Begriffe in der Alltagssprache von Begriffen der Fachsprache unterscheiden. Teilweise verwenden auch verschidene Wissenschaftsbereiche den selben Begriff für völlig unterschiedliche Phänomene (bei Wikipedia mal nach „Kontingenz“ suchen). Dies liegt zum einen daran, dass Begriff in der Wissenschaft viel präziser verwendet werden müssen als im alltäglichen Sprachgebrauch. Es bleibt kein Raum für Uneindeutigkeit oder Unklarheit.

    Dies bedeutet erstens, dass es etwa in einem Zeitungsartikel egal ist, ob der Begriff „Retten“ wissenschaftlich richtig verwendet wurde, oder der Begriff bergen. Für den Leser ist der Inhalt, auch durch den Kontext des Artikels eindeutig genug.

    Etwas anderes ist dies bei Texten, wie der Feuerwehrdienstvorschrift, die rechtliche und wissenschaftliche Bedeutung haben. Hier müssen die Begriffe eindeutig verwendet werden. Hier liegt die Aufgabe der Definition aber beim Autor dieses Textes. Er muss daraus hinweisen wie er den Begriff verwendet und definiert, oder aus welcher Quelle er seine verwendete Definition nimmt. Denn Begriffe sind, nach Karl Popper „Logik der Forschung“, letztlich nur Abkürzungen. Daher ist es auch völlig Fruchtlos und ohne jeden Erkenntnisgewinn sich über eine Definition zu streiten. Ein Autor muss nur klar machen, wie er in diesem Text einen Begriff definiert und verwendet, damit ihn der Leser eindeutig versteht.

    Als Beispiel könnte man einem Text vorranstellen, dass man als Autor im folgenden den Begriff „Bergen“ ausschlieslich für das Zusammenkehren von Ölbindemittel verwendet. Diese Definition und verwendung entspricht keinesfalls dem alltäglichen Verständnis des Begriffs und auch nicht den im oberen Artikel diskutierten Verwendungsweisen. Sie ist aber wissenschaftlich einwandfrei, da keine Missverständnisse auftreten können und im ganzen Text eindeutig ist, was der Autor unter dem Begriff versteht und wie er ihn verwendet.

    Zusammengefasst:
    Nicht über Definitionen streiten, aber dafür sorge tragen, dass wo notwendig, eine eindeutige Definition vorhanden ist. Insofern sollte man in die FwDV eine Definition hineinschreiben, oder zumindest darauf verweisen wo der Begriff definiert wird, wie ihn die Autoren verwenden. Da dies nicht der Fall ist entstand ja die oben erwähnte Unklarheit und eine recht erkennislos Diskussion.


  2. Weiss T.

    Also ich sehe die Verwirrung in der FwDv 3 –

    R e t t e n ist das Abwenden einer Gefahr von Menschen oder Tieren durch
    -lebensrettende Sofortmaßnahmen, die sich auf Erhaltung oder
    Wiederherstellung von Atmung, Kreislauf und Herztätigkeit richten
    und/oder durch
    -Befreien
    aus einer lebens- oder gesundheitsgefährdenden Zwangslage.



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.