Grundlagen

20. Mai 2014

Gefährdungspotential durch mechanischen SIPS-Seiten-Airbag [Video]

Zum ersten Mal ist mir nun ein Übungsfahrzeug mit verbautem SIPS-Seitenairbag untergekommen (SIPS = Side Impact Protection System, also Seitenaufprallschutz). Dabei handelt es sich im die erste Generation von Seitenairbags die (optional) in Fahrzeugen verbaut wurde. Auch deshalb handelte es sich um ein autarkes System, das durch einen mechanischen Sensor (Schlag) ausgelöst wird und nicht mit dem Airbagsteuergerät oder der Fahrzeugelektrik verbunden ist.

Es ist also besondere Vorsicht geboten, damit dieser im Sitz integrierte Seitenairbag nicht unkontrolliert durch die Rettungskräfte ausgelöst wird.

Das Side Impact Protection System von Volvo

Entwickelt wurde SIPS von Volvo 1991 als ergänzendes Schutzsystem bei einem Seitenaufprall. Hauptsächlich handelt es sich dabei um zusätzliche Karosserieverstärkungen durch massive B-Säulen, Querverstrebungen in den Türen und hochfesten Rohren in den Frontsitzen, damit bei einem Aufprall der Überlebensraum erhalten beleibt (Sitz verschiebt sich in Richtung Mitteltunnel ohne sich zu deformieren). Zwischen 1995 und 1998 wurden zusätzlich spezielle Seitenairbags in den Sitzen verbaut, die durch einen mechanischen Sensor ausgelöst werden!

SIPS-Sensor an der Außenseite des Sitzes

SIPS-Sensor an der Außenseite des Sitzes

Dieser Sensor ist direkt an der Außenseite des Sitzes angebracht und wird durch den eindringenden Schweller oder die Tür eingedrückt. Hierdurch wird eine pyrotechnische Ladung gezündet, die eine „Schockwelle“ durch zwei Schläuche zu den Gasgeneratoren des Seitenairbags sendet und diese somit auslöst. Dieses System ist nicht mit einem Airbagsteuergerät verbunden und funktioniert ohne Elektrik, dementsprechend kann es auch nicht durch das Abklemmen der Batterie deaktiviert werden.

Laut Volvo reagiert die Sensoreinheit nicht auf Verzögerungen und G-Kräfte sondern wird von einem Aufprall von mehr als 2 m/s ausgelöst (Platte wird eingedrückt und schlägt auf die Zündvorrichtung).

The sensor unit is a pyrotechnic impact sensor, which will be activated only if it is struck with an impact that causes the deformed door to hit the sensor with a speed of about 2 m/s (6.6 ft/sec). This corresponds to a collision speed of about 10 mph. The system is calibrated to avoid unnecessary activation such as by a blow to the door or a light impact with a stationary object.

Erkundung und Deaktivierung

SIPS-Werbeschriftzug am Heck eines FahrzeugesEigentlich sind derartige Airbagsysteme kalter Kaffee und schon im Modeljahr 1999 schwenkte Volvo auf eine andere Generation Seitenairbags um, die elektrisch über ein zentrales Airbagsteuergerät gezündet werden. Trotzdem sind entsprechende Fahrzeuge natürlich auch heute noch auf der Straße und stehen Feuerwehren aktuell aufgrund des Alters häufiger als Übungsobjekte zur Verfügung.
Deshalb sollte aus Sicherheitsgründen genau hingeschaut werden: Das Vorhandensein von SIPS ist häufig schon an großen SIPS-Bag-Aufdruck am SitzWerbeaufschriften am Fahrzeug zu erkennen, wobei sich hieraus allerdings nicht zwingend ableiten lässt, ob und welche Generation von Seitenairbags eingebaut wurde. Dies kann nur ein Blick unter die Seitenverkleidung des Sitzes klären. Im Zweifel ist einfach Vorsicht geboten!

Auch Fahrzeuginformationen helfen: Im Crash Recovery System oder im Rettungsdatenblatt von Volvo sind Komponenten von rein Screenshot aus dem iCRS des Volvo 850mechanisch funktionierenden Airbagsystemen mit einer roten Umrandung versehen. Dies erleichtert es Abstand von entsprechenden Komponenten zu halten.

Im Crash Recovery System findet sich dann nach dem Klick auf den Sensor auch eine Erklärung zur Deaktivierung (Die Grafik aus dem Volvo-Rettungsleitfaden folgt etwas weiter unten).

Zur Deaktivierung findet sich nämlich unter der seitlichen Transportschutz Sicherungskappe für den SensorSitzverkleidung (lässt sich am vorderen Ende hochziehen und entfernen) eine rote Schutzkappe (Transportsicherung) die über den Sensor gesteckt werden kann um ein Eindrücken der Aufprall-Platte (und damit einen Kontakt mit der Zündladung) zu verhindern. Diese kann angebracht werden um eine versehentliche Aktivierung (z.B. beim Anstoßen mit dem Rettungsgerät) zu verhindern.

SIPS-Rettungsdatenblatt-Volvo

Video und Fazit

Nach dem Seminar haben wir dann noch versucht die beiden Airbags auszulösen und dies in einem Video dokumentiert. Es wurde recht schnell deutlich, dass Schläge auf die Karosserie (selbst in der Nähe des Sensors) nicht ausreichen um diesen zu aktivieren. Hierzu ist vielmehr eine direkte Deformation des Sensors erforderlich was auch bedeutet, dass Spannungsschläge, die beim Spreizen oder Schneiden auftreten können nicht zu einer Auslösung führen dürften. Allerdings reicht ein relativ leichter Schlag direkt auf den Sensor aus um den Sensor zu aktivieren und den Seitenairbag auszulösen. Das Ergebnis könnt ihr ja im Video sehen!

Leider haben wir die Schutzkappen erst zu spät gefunden und konnten daher nicht mehr testen ob diese wirklich vor einem direkten Schlag schützt. Wenn möglich sollte die Schutzkappe angebracht und Abstand zum Bereich des Sensors eingehalten werden. Die Auslösung des Airbags ist extrem schnell und kraftvoll und geht mit einem lauten Knall einher. Befindet sich eine Einsatzkraft, ein Gerät oder der Patient im Auslösebereich kann dies zu schweren Verletzungen kommen.

Vielen Dank an die Feuerwehr Kirchdorf und an Jörg Heck für die zusätzlichen Informationen!



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Der Autor dieses Artikels:

Patrick Allinger
Ich bin ein begeisterter Feuerwehrmann, der sich vor allem für den Bereich der technischen Hilfeleistung und für die Unfallrettung interessiert. Beruflich bin ich zuständig für das Produktmanagement bei WEBER RESCUE Systems in Österreich. Auf dieser Seite möchte ich mein gesammeltes Wissen an andere Einsatzkräfte und interessierte Besucher weitergeben, um sie im Einsatzalltag zu unterstützen.





  1. Jens

    Ist der mechanische Seitenairbag ein Alleinstellungsmerkmal von Volvo gewesen, oder gibt es das auch noch bei anderen Autos?
    Wenn ich das Richtig lese muss die verformte Tür den Sensor mit mehr als 2 m/s treffen. Wenn man die Kunststoffverkleidung um den Sensor entfernt könnte man vermutlich sogar per Hand auslösen und das nur durch „schüttelnde“ Bewegungen. Kann mir vorstellen das da schon häufiger ausversehen losgegangen ist. Zum Glück ist er nicht soo groß.


    • Hallo Jens,
      den mechanischen Seitenairbag gibt es wirklich nur bei Volvo. Es wurden aber bei mehreren Herstellern mechanisch ausgelöste Lenkrad-Airbags verbaut, hier ist die Gefahr einer Auslösung durch die Arbeiten aber geringer.


  2. S. Kostow

    nur mal als Hinweis: Im Crash Recovery System ist die Lage der Gasdruckfedern für die Heckklappe vom Volvo 850 / V70I falsch dargestellt, die befinden sich unterm Dach, nicht in der C-Säule!



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