Allgemeines

13. April 2014

Schnellere Rettung durch paralleles Arbeiten

Ihr alle kennt es vom Boxenstopp der Formel 1: Alles geht so furchtbar schnell und man fragt sich wie denn das sein kann. Dabei ist es gar kein großes Geheimnis, die Schnelligkeit der Boxencrew kommt ganz einfach aus parallelen Arbeitsschritten kombiniert mit vielen helfenden Kräften, die genau wissen was ihre Arbeitsschritte sind. Genau das sollte auch ein Ziel bei der Unfallrettung sein, um eine möglichst schnelle und effektive Rettung abzuliefern.

Paralleles Arbeiten verkürzt die Rettungszeit enorm

Je mehr Arbeitsschritte (vor allem bei den Vorarbeiten zur eigentlichen technischen Rettung) also parallel und damit zeitgleich ablaufen, desto kürzer fällt auch die gesamte Zeit bis zur Befreiung des Patienten aus. Weiter verkürzt werden kann die Rettungszeit indem die nächsten Arbeitsschritte bereits von einem Teil der Einsatzkräfte vorbereitet werden, während die anderen noch zu Gange sind. Zur besseren Veranschaulichung eine grobe Visualisierung des Einsatzablaufes:

Paralleles Arbeiten bei der Unfallrettung

Die Grundidee zu dieser Grafik stammt von meinem geschätzten Kollegen Ian Dunbar, der ebenfalls bereits seine Sichtweise zu diesem Thema veröffentlicht hat. Wer also noch weitere Tipps und Tricks mitnehmen will, sollte auch seinen Artikel lesen: Reducing extrication times with simultaneous activity

Es lässt sich also enorm viel Zeit einsparen wenn man nicht stupide einen Schritt nach dem anderen abarbeitet, die Übergänge soweit wie möglich fließend gestaltet und die Aufgaben gezielt aufgeteilt werden. All dass kann ideal in einer Standard-Einsatz-Regel niedergeschrieben werden, sodass gerade in der Anfangsphase keine Befehle notwendig sind und trotzdem jeder genau weiß was er zu tun hat. Wie das für die einzelnen hier aufgezeigten Schritte aussehen könnte folgt jetzt detaillierter.

Sicherung

Zu allererst muss natürlich für eine ausreichende Sicherung der Einsatzstelle gesorgt werden. Darunter fallen unter anderem (und natürlich je nach Lage) die Verkehrsabsicherung, Ausleuchtung, Brandschutz und die Sicherung gegen alle sonstigen Gefahren an der Einsatzstelle. Das bedeutet aber nicht, dass an der Einsatzstelle nicht auch Abschnitte gebildet werden können die sofort als sicher erklärt werden, sodass auch direkt mit den weiteren Arbeiten begonnen werden kann (steht der PKW weit abseits der Straße im freien Gelände kann daran natürlich schon gearbeitet werden, während auf der Straße gegen den fließenden Verkehr gesichert wird).

Die Arbeiten zum Punkt Sicherheit sind ziehen sich außerdem durch den kompletten Einsatz! Laufen muss hier beispielsweise die Sicherung und Stabilisierung des Fahrzeuges kontrolliert, Glassplitter weggefegt, oder Kanten abgedeckt werden. Hierfür sollte der eingeteilte Sicherungstrupp laufen die Einsatzstelle umrunden und entsprechend eigenständig reagieren.

Lageerkundung und Bereitstellung

Noch während die Sicherung läuft kann bei ausreichender Anzahl an Einsatzkräften direkt mit den weiteren Arbeiten begonnen werden. Damit der Einsatzleiter genug ruhe und Zeit für eine vernünftige Lageerkundung hat, kann er die restliche Mannschaft in der Zwischenzeit den Bereitstellungsplatz mit allen möglicherweise notwendigen Geräten und Hilfsmitteln aufbauen (dauert in etwa gleich lang).

Tipp: Verlastet eine entsprechende Bereitstellungsplane direkt am Platz des Gruppenführers im Fahrzeug. Dann hat dieser die Möglichkeit diese direkt mit zu nehmen und an der gewünschten Stelle auszubreiten, bevor er sich an die Lageerkundung macht. Damit weiß jeder auch ohne Befehl genau wo der Bereitstellungsplatz eingerichtet werden soll.

Stabilisierung und Glasmanagement

Sobald die Lageerkundung abgeschlossen ist und der Rettungsweg feststeht kann entsprechend die Sicherung und Stabilisierung des Fahrzeuges an den richtigen Stellen eingeleitet werden. Gleichzeitig kann aber auch gleich mit dem Glasmanagement begonnen werden, sobald alle Gefahren durch Kippen und Abstürzen beseitigt sind, da zum Teil sogar für die Stabilisierung notwendig. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig das sofort das gesamte Glas herausgenommen werden muss und der Patient so den vollständigen Witterungseinflüssen ausgesetzt wird. Dies kann auch im weiteren Verlauf der Arbeiten erfolgen, hier ist erstmal wichtig einen Zugang zum Patienten zu erhalten.

Erstöffnung und Patientenbetreuung

Auch hier gibt es wieder einen flüssigen Übergang. Sobald der erste Zugang zum Patienten durch eine herausgenommene Scheibe möglich ist beginnt natürlich die direkte Betreuung und Versorgung des Patienten. Ist das Fahrzeug soweit unterbaut, dass Bewegungen verhindert sind, kann auch bereits ein innerer Retter ins Fahrzeug einsteigen auch wenn die vollständige Stabilisierung noch im Gange ist. Gleiches gilt für die ersten Arbeiten mit dem hydraulischen Rettungsgerät. Hier ist durchaus schon eine Türöffnung möglich während auf der gegenüberliegenden Seiten noch unterbaut wird.

Versorgungs- und Befreiungsöffnung

Während der eigentlichen technischen Rettung ist es natürlich eher schwer parallel zu arbeiten, weil dadurch sehr schwer die Auswirkungen auf die Karosserie beurteilt werden können. Trotzdem kann auch hier sehr viel Zeit gespart werden kann wenn alle etwas voraus denken. Wird gerade die Tür aufgespreizt kann schon einmal der Bolzenschneider bereit gehalten werden um das Türfangband zu schneiden, danach geht es ohne Unterbrechung mit dem Spreizer weiter. Dies lässt sich auf unzählige andere Arbeitsschritte übertragen.

Tipp: Ein Fahrzeug hat immer 2 Seiten, von denen oftmals nur eine wirklich verformt ist. Um also ein ständiges Abwechseln mit dem Rettungsdienst auf der Seite des Patienten zu vermeiden kann zusätzlich eine Öffnung auf der gegenüberliegenden Seite für den Rettungsdienst geschaffen werden, damit ohne Unterbrechung an der Befreiung gearbeitet werden kann. Gleiches gilt übrigens auch für das Airbag-Screening und die Innenraumerkundung: Sicherheitskomponenten und Verstärkungen sind immer spiegelbildlich verbaut.

Rettung

Auch bei der Rettung aus dem Fahrzeug gibt es nicht viel was wirklich parallel laufen kann. Zumindest aber das letzte Anbringen eines ausreichenden Kantenschutzes und das Ablegen der technischen Handschuhe und Holster kann erfolgen, während der Rettungsdienst die letzten Arbeiten durchführt. Danach geht es dann mit vielen helfenden Händen deutlich einfacher und schneller.

Fazit

Versucht man möglichst viel parallel abzuarbeiten und denkt gleichzeitig beim Arbeiten noch etwas voraus, sodass Geräte nicht erst dann geholt werden müssen wenn sie tatsächlich gebraucht werden, dann lässt sich die Rettungszeit dadurch deutlich verkürzen! Dafür ist es natürlich notwendig, dass die einzelnen Trupps möglichst viel selbstständig abarbeiten können, ohne ständig auf detaillierte Befehle angewiesen zu sein. Das Schlüsselwort heißt also Ausbildung, Ausbildung und noch mehr Ausbildung, damit wie bei der Formel 1 jeder weiß was er wann zu tun hat. Aber auch schon mit kleinen Veränderungen und stückweiser Parallelisierung macht man die eigene Unfallrettung schon deutlich effektiver. Gerade zu diesen kleinen Tipps und Tricks die helfen viel Zeit zu sparen, folgt bald noch ein weiterer Artikel.



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Der Autor dieses Artikels:

Patrick Allinger
Ich bin ein begeisterter Feuerwehrmann, der sich vor allem für den Bereich der technischen Hilfeleistung und für die Unfallrettung interessiert. Beruflich bin ich zuständig für das Produktmanagement bei WEBER RESCUE Systems in Österreich. Auf dieser Seite möchte ich mein gesammeltes Wissen an andere Einsatzkräfte und interessierte Besucher weitergeben, um sie im Einsatzalltag zu unterstützen.





  1. Rene

    Guter Artikel! Sehr interessant. Ich würde mich freuen, wenn du mal einen Artikel über den THL-Wettkampf World Rescue Challenge verfassen könntest. Ich denke das würde viele interessieren.


    • Hallo Rene,
      kann ich gerne machen. Was interessiert dich denn besonders an den TRT-Wettbewerben? Der Ablauf, die Einteilung, die Taktik, die Lagen…?


      • Rene

        Hallo Patrick,

        eventuell erst einmal welche Voraussetzungen eine Wehr haben sollte, die daran teilnehmen möchte. Aussattung, die zwingend erforderlich ist, und so weiter.


  2. H. Baar

    Ich sehe einige Punkte aus dem Artikel sehr kritisch. Unter anderem das implizierte „selbstständige Arbeiten der Trupps“, und „…keine Befehle notwendig sind“. Dies widerspricht zu Teilen den FwDVen, und ist mangels Manpower, Ausbildung und Einsatzerfahrung nur für wenige Feuerwehrs anwendbar. Auch der erste Satz des Fazit, „Versucht man möglichst viel parallel abzuarbeiten“ könnte schnell aus dem Zusammenhang gerissen, und entgegen Lehrmeinung und best practice dazu führen, dass beim nächsten VU von beiden Seiten um die Wette geschnibbelt wird… Wenn es denn überhaupt machbar ist – Das von allen Seiten zugängliche Fahrzeug wie im Bild gezeigt ist ja doch eher der Einzelfall, genau wie die „10 Mann“ ums Fahrzeug.


    • Da hast du sicher nicht ganz Unrecht. Die richtige Ausbildung ist Grundvoraussetzung für eine effektive und schnelle Rettung, allerdings sollten die einzelnen Teilbereiche auch ohne große Einsatzerfahrung abgearbeitet werden können, und zwar von allen Feuerwehren. Auch das selbstständige Arbeiten der Trupps sagt nicht, dass diese selbst die Taktik festlegen bzw. über den Rettungsweg entscheiden. Es sollte aber doch für jeden Truppführer (ist ja auch eine Führungskraft) möglich sein selbstständig eine Verkehrsabsicherung aufzubauen, ohne das der GF ihm genau sagen muss an welchem Punkt er den Verkehrsleitkegel genau hinzustellen hat. Gleiches gilt dann genauso für Stabilisierung, Glasmanagement, …
      Wenn man diese ganzen Standard.Abläufe dann noch für die eigene Feuerwehr in eine Standard-Einsatz-Regel packt und diese ausbildet ersetzt die den Befehl, solange der Einsatzleiter nichts anderes angibt. Dafür brauch ich keine Manpower, auch mit 6 Mann kann ich parallel Aufgaben abarbeiten…
      Ich hoffe doch einfach mal, dass jeder Feuerwehrmann in der Lage ist zu verstehen, dass es dabei nicht um „um die Wette schnibbeln“ geht! Und wenn ich dann eben etwas unerfahrenere Kameraden mit dabei habe, dann sollte der Einsatzleiter das abschätzen können und eben etwas genauere Anweisungen geben, damit die Trupps eben entsprechend seiner Befehle und seiner vorbereiteten Taktik arbeiten, er kann aber trotzdem nicht jeden Schnitt 1:1 kontrollieren (da hat er andere Aufgaben). Jedem Geräteführer sollte ich doch zutrauen können, dass er mit der Anweisung „Große Seitenöffnung) etwas anfangen kann und das entsprechend selbstständig umsetzen kann. Da bekommt er maximal noch Schnittmarkierungen um Gefahrenquellen die der Einsatzleiter bei der Erkundung entdeckt hat, zu umgehen. Sonst kann er das Gerät auch gleich selbst in die Hand nehmen.

      Klar wird das lange nicht bei allen Einsätzen funktionieren, und setzt wie gesagt viel Ausbildung voraus. Ist aber eigentlich der einzigste Weg auch in Zukunft noch eine schnelle Rettung gewährleisten zu können.


  3. stefan ofner

    hallo liebe Forum Besucher

    bezugnehmend auf die Kritik von Hr H.Baar kann ich sagen das die parallel Rettung /arbeiten bei uns in der FF Prima klappt wir sind aber gerademal eine FF mit rund 40 Aktiven bei einer Tages Bereitschaft von 4-7 Mann da würde eine andere Vorgehensweise gar nicht gehen.
    Wegstrecke Fahrzeug-VU Autobahn zb.
    bei uns wird sobald/parallel der EL die Erkundung durchführt, Abgesichert Brandschutz aufgebaut und der Bereitstellungsraum errichtet ca 3-4 min in der der EL zeit hat sämtliche Entscheidungen zu treffen und wie Patrick schon erwähnt hat nicht sagen muss wo ein Vehrkehrsleitkegel hingehört oder Feuerlöscher aufgestellt wird !!!!!
    wir trainieren das schon einige Jahre auch mit unseren Nachbar Wehren ist dieser Ablauf so abgesprochen und geht Hand in Hand von Statten ..
    so sind in der ersten Phase alle beschäftigt und können nach dem ANGRIFFSBEFEHL des EL loslegen, Innererretter durch erst Öffnung und usw.

    dieses Arbeiten spart extrem viel zeit und diese Sachen können schon auf Anfahrt besprochen werden.
    wir sind soweit geschult das zb beim Angriffsbefehl Tunneln über die Rückbank jeder weis wie das geht und unterstützend eingreift wenn zb der Rettungstrupp Hilfe braucht
    abschliesend kann ich nur sagen das es sehr wichtig ist das immer wieder zu beüben. Vorschlag wäre auch einmal eine THL Prüfung zusehnen.oder mit zumachen.da wird genau sowas trainiert… Unterlagen findet ihr Auf der Landesfeuerwehr HP Steiermark

    lg stefan



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