Einsatztaktik

27. August 2013

Sitzlehne durch Rettungsgeräte bewegen

Sitzlehne mit dem Spreizer nach unten drücken

Moderne Fahrzeuge erhalten nicht nur eine immer stabilere und härtere Karosserie sondern bekommen auch sonst sehr viele Extras verpasst. Zum Beispiel die Sitze die sich inzwischen in dutzende Richtungen elektrisch verstellen lassen. Was für den Passagier sehr angenehm ist kann aber ein großes Problem bei der Rettung darstellen, sobald die Sitzlehne nicht mehr von Hand heruntergedreht werden kann.

Elektrische Verstellungen geben Probleme auf

Sobald sich der Sitz nicht mehr elektrisch durch die vorgesehenen Bedienelemente verstellen lässt bewegt sich kaum noch etwas. Das altbekannte Handdrehrad an der Seite gibt es nicht mehr und die Verstellung des Sitzes erfolgt über stabil ausgeformte Zahnstangen und Motoren die sich nicht so ohne weiteres zu einer Bewegung überreden lassen. Dieser Fall kann durch verschiedene Umstände eintreten:

  • Fehlende Stromquelle durch abgetrennte, defekte oder abgeklemmte Batterie
  • Defekte Bedienelemente durch Aufprall (meistens seitlich direkt am Sitz oder der Tür angebracht)
  • Abgerissene Kabelverbindungen z.B. durch eine herausgespreizte Tür
  • Je nach Fahrzeug eine Beschädigung des Boardcomputers
  • Verformung des Sitzes selbst

Tritt dieser Fall ein und die Sitzlehne muss entfernt werden um den Patienten achsengerecht befreien zu können (z.B. beim Tunneln) bleiben zwei grundsätzliche Möglichkeiten, die beide ihre Vor- und Nachteile mit sich bringen und gegeneinander abgewogen werden müssen. Eine davon ist das Abtrennen der Sitzlehne mit dem Schneidgerät, was aber je nach Stabilität des Sitzes und der Platzverhältnisse recht langwierig werden kann, vor allem weil man nicht genau sieht wo man schneidet (direkte Nähe zum Patienten).

Aus diesem Grund soll hier nun eine weitere Möglichkeit in mehreren Varianten gezeigt werden, dass Herunterdrücken mit Spreizer oder Rettungszylinder.

Sitzlehne hydraulisch nach unten drücken

Zugegeben: Die nachfolgend dargestellte Methode setzt etwas Mut voraus und erfordert feinfühliges Arbeit recht nahe am Patienten (mit unter Umständen recht ruckartiger Bewegung der Sitzlehne). Mit etwas Übung, vorsichtigem Arbeiten und indem der Patient mit dem Rücken etwas von der Lehne weg gehalten wird (harten Patientenschutz dazwischen einsetzen) lässt es sich aber durchaus lösen. Je nach Lage und anderweitiger Verwendung der Geräte gibt es zwei Varianten:

Bewegen mit dem Spreizer

Der Einsatz des Spreizers hat den großen Vorteil, dass die Lehne in ihre eigentlichen Bewegungsrichtung gedrückt wird und somit der Sitz selbst nur minimal in sich selbst verformt wird. Allerdings lässt er sich in dieser Position sehr schwer einsetzen und halten, hier ist als Teamwork gefordert.

Damit der Spreizer nicht durch das recht dünne Dach bricht und der Spreizweg ausreicht sollte mit Holz als Widerlager gearbeitet werden. Zusätzlich kann ein Halligan-Tool eingesetzt werden (Bild rechts) um die Kraft über die komplette Sitzbreite zu verteilen. Bewegt sich der Sitz während des Spreizvorganges nur auf einer Seite, muss abgebrochen und neu angesetzt werden, bevor der Spreizer abrutschen kann.

Sitzlehne spreizen mit Holz als WiderlagerSitzlehne mit dem Spreizer nach unten drückenSitzlehne spreizen mit einem Halligan-Tool als Hilfsmittel

Drücken mit dem Rettungszylinder

Bei Verwendung des Rettungszylinders muss etwas vorsichtiger vorgegangen werden denn hier wird durch die Wirkrichtung des Zylinder der Sitz in sich selbst verformt und kann sich dabei auch in Richtung des Patienten bewegen (siehe auch Bild links). Dafür lässt er sich leichter anwenden als der Spreizer und muss nicht zwangsläufig wieder entfernt werden um die Rettung durchführen zu können.

Auch hierbei sollten Druckplatten oder Holz zur Kraftverteilung genutzt werden, damit der Rettungszylinder nicht durch das Dach bricht und sich auch wirklich die Lehne nach unten bewegt. Eventuell (je nach Verformung des Fahrzeuges) kann als Ansatzpunkt aber auch der Dachholm genutzt werden.

Diese Methode eignet sich auch sehr gut um manuelle Lehnenverstellungen zu überdehnen, falls der Platz durch das Herunterdrehen noch nicht ausreichen sollte (siehe Bild in der Mitte) und funktioniert auch sehr gut in der Dachlage ohne den Rettungsweg zu verbauen (Bild rechts).

Sitzlehne drücken mit Druckplatten und RettungszylinderSitzlehne drücken mit Zylinder über den DachholmSitzlehne drücken bei PKW in Dachlage

Fazit

Es handelt sich hierbei mit Sicherheit um eine Alternative die nicht Plan A oder B sein sollte. Auch kann nicht gewährleistet werden dass es wirklich bei jedem Sitzaufbau ohne Probleme funktionieren wird, eventuell reicht aber auch schon ein kleinerer Erfolg aus, damit anschließend leichter und zielgerichteter an der Lehne geschnitten werden kann.

In jedem Fall muss diese Anwendung vorher in der Übung ausprobiert werden um ein Gefühl dafür zu bekommen und die Angst vor dem direkten Arbeite am Patienten zu verlieren. Ebenfalls klar ist: Wird diese Methode bei einem ansprechbaren Patienten durchgeführt ist viel Erklärung und Beruhigung notwendig. Setzt euch doch einfach mal selbst bei der Übung auf den Sitz und lasst diese Maßnahme durchführen (ich hab es schon mehrmals getan).



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Der Autor dieses Artikels:

Patrick Allinger
Ich bin ein begeisterter Feuerwehrmann, der sich vor allem für den Bereich der technischen Hilfeleistung und für die Unfallrettung interessiert. Beruflich bin ich zuständig für das Produktmanagement bei WEBER RESCUE Systems in Österreich. Auf dieser Seite möchte ich mein gesammeltes Wissen an andere Einsatzkräfte und interessierte Besucher weitergeben, um sie im Einsatzalltag zu unterstützen.





  1. Martin

    Hallo zusammen,

    sehr interesannte alternative Idee. Wurde diese Variante schon mal im Einsatz angewendet bzw. mit Ärzten besprochen?

    LG

    Martin


  2. René

    Hallo,

    vielen Dank für den Artikel. Besonders der Hinweis, dass diese Variante nicht Plan A oder B sein sollte fehlt bei vielen Infos/Videos zu diesem Thema.

    Gruß



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