Ausbildung

29. Mai 2013

5 Merkregeln für die Unfallrettung

Es ist ja aktuell sehr modern sich für alle Feuerwehr-Bereiche bestimmte Merkregeln zu recht zu legen, mit denen man sich ein taktisches Vorgehen aber auch wichtige Dinge bei der Abarbeitung eines Einsatzes besser merken soll. So gibt es auch speziell für die Unfallrettung fünf Merkregeln die hier nun näher erläutert werden sollen.

Da sich das natürlich trotzdem keiner zu 100% merken kann, gibt es sobald fertig hier auch kleine ausdruckbare Karten für die Tasche der Einsatzkleidung 😉

1. ABS-Regel

Sortiert nach der Reihenfolge beim Abarbeiten des Einsatzes steht ganz zu Beginn die ABS-Regel, die sich um die unbedingt zu treffenden Erstmaßnahmen nach dem Eintreffen an der Unfallstelle dreht:

  • A bsicherung der Einsatzstelle gegen fließenden Verkehr
  • B randschutz an den beteiligten Fahrzeugen sicherstellen
  • S tabilisieren bzw. Sichern der Lage (vgl. VERBAU-Regel)

Eines muss bei unserer Arbeit immer gewährleistet sein, und das ist die Sicherheit für uns selbst und alle beteiligten Personen innerhalb der Einsatzstelle. Aus diesem Grund sollte die Einsatzstelle umgehend gegen den fließenden Verkehr abgesichert werden. Im Optimalfall steigt der Sicherungstrupp schon auf der Anfahrt mit dem Absicherungsmaterial aus und baut die Absicherung zur Einsatzstelle hin auf.

Der Brandschutz ist ein weiteres Thema, der gerade bei aktuellen Fahrzeugen mit Magnesium und Kunststoffen immer wichtiger wird und auch Sonderlöschmittel notwendig macht. Bricht der Brand erst nach unserer Ankunft aus, müssen unsere normalen Arbeitsschritte für die Brandbekämpfung sofort greifen, daher bleibt der Brandschutz auch immer personell besetzt.

Zuletzt muss auch die vorgefundene Lage gesichert werden, z.B. gegen Abstürzen, Kippen und Wegrutschen. Mehr dazu unter dem Punkt der VERBAU-Regel, die sich speziell an das Stabilisieren und Sichern richtet.

2. VERBAU-Regel

Ähnlich der ABS-Regel widmet sich auch die VERBAU-Regel der Absicherung der Einsatzstelle, geht aber noch ein paare Schritte weiter:

  • V erkehrsabsicherung
  • E rkundung (außen und innen) der Fahrzeuge
  • R aumordnung: Aufstellung Einsatzfahrzeuge, Abrücken RD sichern, Arbeitszonen und Ablageplatz
  • B atterien abklemmen / B randschutz sicherstellen
  • A ltglas: Entfernen noch vorhandener Glasscheiben und Scherben
  • U nterbauen: Stabilisierung / Sicherung des Fahrzeuges

Die ersten beiden Punkte nur kurz: Die Absicherung ist schon oben beschrieben, für die Lageerkundung habe ich bereits einen eignen Artikel veröffentlicht: Lageerkundung bei der Unfallrettung

Die Raumordnung muss frühzeitig geplant und eingeleitet werden, wenn sie überhaupt funktionieren soll. Wichtig: Platz für einen eventuellen Kraneinsatz freihalten, das Abrücken des Rettungsdienstes ermöglichen (eventuell an der Einsatzstelle vorbei fahren), taktisch wichtige Fahrzeuge nahe an der Einsatzstelle. Außerdem sollten die Arbeitszonen (5m Radius und 10m Radius) um das Fahrzeug „eingerichtet“ und entsprechend die Bereitstellungsräume aufgebaut werden.

Auch das Abklemmen der Batterie und das Sicherstellen des Brandschutzes sollte klar sein, daher direkt zum Glasmanagement: Hier ist nämlich nicht zwingend immer alles an Glas zu entfernen (mehr dazu in den Artikeln Glasmanagement 1 und Glasmanagement 2). In jedem Fall sollten aber die Glasscherben immer komplett entfernt und unter das Fahrzeug gekehrt werden (Schneid- und Ausrutschgefahr!).

Beim Unterbauen des Fahrzeuges sollen die Gefahren des Kippen, Abstürzen und Wegrutschen beseitigt werden und zusätzlich Erschütterungen durch die Arbeiten am Fahrzeug verhindert werden. Genauer erklärt gibt es das bereits in diesem Artikel.

3. SIEGER-Regel

Für den vollständigen Ablauf der technischen Rettung gibt es von Jan Südmersen (neben der VERBAU-Regel) die SIEGER-Regel. Sie dient mehr der richtigen Reihenfolge, als der Sicherstellung, dass kein Punkt vergessen wird, denn ohne die Punkte kommt der Patient nicht aus dem Fahrzeug:

  • S icherung und Lage stabilisieren (vgl. VERBAU-Regel)
  • I nnere Erkundung am Fahrzeug
  • E rstmaßnahmen am Patienten (Betreuung, Erste-Hilfe)
  • G enaue Abstimmung der Vorgehensweise mit dem Rettungsdienst
  • E ntklemmung des Patienten
  • R ettungsweg schaffen (Befreiungsöffnung)

Die Sicherung ist bereits durch die ABS-Regel bzw. VERBAU-Regel abgehakt. Mit der nachfolgenden Erkundung im Fahrzeug wird aber dann ein wichtiger Grundstein für die weitere Rettung gelegt. Neben dem Anziehen der Handbremse, dem Ausschalten der Zündung, dem Aktivieren der Warnblinkanlage gehört zur Innenraumerkundung vor allem das Airbag-Screening (dazu bei der AIRBAG-Regel mehr). Zeitgleich gehört hierzu auch die „Erkundung“ des Patientenzustandes und die entsprechenden Erstmaßnahmen der Ersten-Hilfe und der Patientenbetreuung (zusammen mit dem RD).

Hat auch der Rettungsdienst seine Untersuchung abgeschlossen (Erstöffnung notwendig) muss das weitere vorgehen genau und vor allem eindeutig (Zeitangabe in Minuten), in Abhängigkeit des Patientenzustandes (patientenorientierte Rettung) abgesprochen werden. Erst dann ist eine Entklemmung des Patienten ratsam (Ausnahme ist hier natürlich eine indizierte Sofortrettung), um unkontrollierte Blutungen ect. zu verhindern. Dazu zählt z.B. das Wegdrücken des Armaturenbrettes, oder das Anheben des Daches / Crossramming.

Die anschließende Befreiungsöffnung zur Rettung aus dem Fahrzeug sollte dann wieder selbsterklärend sein. Hier sind dann eben Maßnahmen wie die große Seitenöffnung, das Entfernen des Daches oder das Tunneln gemeint.

4. AIRBAG-Regel

Zur AIRBAG-Regel gibt es bereits einen sehr ausführlichen Artikel, der alle Fragen beantworten sollte. Daher hier zur Vollständigkeit nur kurz aufgeführt:

  • A bstand von den Airbags halten (30-60-90 Regel)
  • I nnenraum genau erkunden
  • R ettungskräfte vor nicht ausgelösten Airbags warnen
  • B atteriemanagement durchführen
  • A bnehmen der Innenraumverkleidung
  • G efahr an den Airbag-Komponenten beachten

5. AUTO-Regel

Last but not least kommen wir nun noch zur AUTO-Regel die sich speziell auf die Erkundung von alternativ betriebenen Fahrzeugen richtet und bereits 2006 von Klaus Krebs und Jörg Heck entwickelt wurde:

  • A ustretende Betriebsstoffe
  • U nterboden erkunden
  • T ankdeckel öffnen
  • O berfläche absuchen

An den austretenden Betriebsstoffen (Lachenbildung, Zischgeräusche, Gasgeruch), falls vorhanden, kann nicht nur erkannt werden ob es sich um einen alternativen Antrieb handelt (ausströmendes Gas), es muss auch mit in die Gefahrenanalyse einfließen. Dabei kann auch gleich der Unterboden erkundet werden, ob dort Gasflaschen oder Batterie-Pakete zu sehen sind.

Durch das Öffnen des Tankdeckels lässt sich fast immer feststellen, welcher Kraftstoff getankt werden muss (Aufkleber an der Innenseite). Auch ein zweiter Einfüllstutzen lässt Rückschlüsse zu (eventuell Nachrüstung von Gas in der Reserverad-Mulde). Nicht zuletzt wird das zukünftig deshalb interessant, weil Daimler gerade angekündigt hat, dort einen QR-Code für das Abrufen der Rettungskarte anzubringen (Daimler-Ankündigung)

Durch das Absuchen der Oberfläche sind ebenfalls Rückschlüsse möglich. Gerade Erdgas- und Elektrofahrzeuge haben oftmals Werbeaufdrucke in der Art „Ich fahre mit Erdgas“, die durch Föderungen oder Tankgutscheine auch lange Zeit auf den Fahrzeugen bleiben. Aber auch Ventile und Herstellerkennzeichnungen lassen Rückschlüsse zu.



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Der Autor dieses Artikels:

Patrick Allinger
Ich bin ein begeisterter Feuerwehrmann, der sich vor allem für den Bereich der technischen Hilfeleistung und für die Unfallrettung interessiert. Beruflich bin ich zuständig für das Produktmanagement bei WEBER RESCUE Systems in Österreich. Auf dieser Seite möchte ich mein gesammeltes Wissen an andere Einsatzkräfte und interessierte Besucher weitergeben, um sie im Einsatzalltag zu unterstützen.





  1. UW

    Ich habe eine Reihe solcher Merkregeln gesammelt und im .pdf Format zum Download bei http://www.pvsafety.de bereitgestellt. Wer möchte kann sich dort die entsprechende pvsafety Infokarte zum Ausdrucken herunterladen: http://pvsafety.wordpress.com/downloads/ Natürlich ersetzten die Infos keine gründliche Ausbildung und Üben. Die Karten sind als Gedankenstütze gedacht..



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