Einsatztaktik

11. April 2013

Rettungstechnik – Tunneln

Tunneln bei der Dachlage

Heute beginne ich damit nach und nach sehr gebräuchliche Rettungstechniken genauer zu erläutern, mit denen man sehr viele Lagen abarbeiten kann. Den Anfang macht das „Tunneln“, dabei wird die eingeklemmte Person durch eine Öffnung im Heck des Fahrzeuges – wie durch einen Tunnel – nach hinten aus dem Fahrzeug befreit. Das Ganze passiert äußerst achsengerecht und stellt dadurch eine ideale Alternative zur Dachabnahme dar.

Warum das „Tunneln“?

Je nach Verletzungsbild und Lage sind hier gleich mehrere Variationen im Umfang der auszuführenden Arbeiten denkbar. Grundsätzlich bleibt das System „Tunneln“ aber immer das gleiche. Eine schnelle Rettung durch das Heck, ohne umständlich eine große Öffnung durch die Dachabnahme für eine achsengerechte Rettung durchführen zu müssen. Denn selbst wenn hier die wichtigsten Dinge beim Schneiden der Säulen beachtet werden, kann dieses Unterfangen bei aktuellen Fahrzeugen sehr schnell sehr zeit-intensiv werden. Auch bei Fahrzeugen mit nur 3 Türen ist der Aufwand für eine größere Öffnung auf der Fahrzeugseite recht hoch. Dagegen sind bei einer Rettung durch das Heck kaum verstärkte Karosserieelemente im Weg, die aufwändig beseitigt werden müssen.

Hier wird dann allerdings davon ausgegangen, dass keine größeren Einklemmungen im Beinbereich vorliegen für die aufwändigere Arbeiten an der Seite notwendig werden. In diesem Fall muss wahrscheinlich schon so viel Platz an der Fahrzeugseite geschaffen werden, dass diese Öffnung auch gleich als Rettungsöffnung verwendet werden kann (Herausdrehen des Patienten zur Seite). Dagegen ist diese Rettungstechnik vor allem dann zielführend, wenn eine schnelle achsengerechte Rettung ohne schwerwiegendere Einklemmungen angeraten ist.

Anleitung von WEBER RESCUE Systems zum Tunneln

Schritt-für-Schritt-Anleitung für das „Tunneln“ von WEBER RESCUE Systems

Kleines Maßnahmenpaket beim Tunneln

Ist nicht viel Platz für die Rettung nötig, oder der Patient muss sehr schnell aus dem Fahrzeug, kann schon mit sehr wenigen Maßnahmen eine Rettung durch das Heck durchgeführt werden. Gerade bei einem Fahrzeug mit Stufenheck bietet es sich an, nur die bereits vorhandene Öffnung der Heckscheibe mit einem Spreizer etwas zu vergrößern. Dabei wird der Spreizer zwischen Dachkante und Hutablage (eventuell ein Widerlager notwendig) eingesetzt und so dass Dach ein gutes Stück nach oben gedrückt. Gleichzeitig wird sich auch die Hutablage nach unten bewegen, wodurch genug Raum vorhanden ist um eine Person flach auf einem Spineboard liegend, aus dem Fahrzeug zu holen.

Spreizereinsatz zur Schaffung einer Rettungsöffnung am HeckHierbei ist aber natürlich eine sehr gute Absprache zwischen den Rettungskräften (die das Spineboard von der Seite halten und nach Außen befördern) notwendig, damit der Patient nicht an scharfen Kanten und dem Dach anstößt. Auch sollte dem Patienten die Maßnahme frühzeitig erklärt werden, sofern denn möglich. Am Besten diese Rettung schon im Vorfeld ein paar mal trainiert werden, dabei zeigt sich dann auch schnell wie wenig Platz hierfür eigentlich schon ausreicht.

Fahrzeug ohne Stufenheck

Handelt es sich um ein Fahrzeug ohne Stufenheck, wird schon mit dem Öffnen der Heckklappe (in dem Zug auch gleich komplett entfernen) ein größerer Zugang geschaffen. Einbauteile wie die Hutablage, aber auch die mögliche Ladung im Kofferraum lassen sich schnell entnehmen und sorgen für weiteren Platz. Sollte dieser noch nicht für die Rettung ausreichen, oder sich die Rücksitzbank nicht umlegen lassen, kann auch hier das Dach noch ein wenig mit einem Rettungszylinder nach oben gedrückt werden. Allerdings sollte hierbei ein ausreichendes Widerlager im Kofferraum verwendet werden, damit der Zylinder auch wirklich mit seiner Kraft nach oben arbeitet und sich nicht einfach nach unten ins Blech stanzt.

Großes Maßnahmenpaket

Möglicher Platz durch Tunneln

Wirklich genug Platz für eine sichere Befreiung

Kommt man mit den bisher beschriebenen Maßnahmen nicht weit genug, bzw. ist die Öffnung durch die Verformung des Fahrzeuges zu klein, muss durch weitere Arbeitsschritte zusätzlicher Platz geschaffen werden. Dazu zählt vor allem das Entfernen der Rücksitzbank um sich wirklich bis zum Patienten vor zu arbeiten. Das ist aber gar nicht immer so leicht! Je nachdem wir gut die Scharniere zu erreichen sind kann das auch schnell zur „Friemelarbeit“ werden. Ein kombinierter Einsatz von Schere, Spreizer und Kleinschneidgerät (Pedalschneider) bietet sich an.

Tunneln bei der Dachlage

Funktioniert übrigens auch sehr gut bei einer Dachlage

Dabei sollten aber immer die gleichen 1-2 Einsatzkräfte im Fahrzeug arbeiten, die die Geräte von außen entsprechend ihrer Zurufe gereicht bekommen.

Wie viel Platz dadurch (und durch das Entfernen der Innenraumverkleidung) möglich gemacht werden kann, zeigt Gary Klaus jedes Jahr auf den rescueDAYS an seiner Station PKW unter Trailer. Das Video dazu ist nur zu empfehlen und zeigt auch gleich eine Lage, bei der diese Rettungs- technik ein wichtiges Mittel für die Befreiung ist.

Zusätzlich kann je nach Deformierung des Fahrzeuges der vertikale Einsatz von Rettungszylindern notwendig werden, um das Fahrzeug wieder in seine ursprüngliche Form zurück zu bringen (Crossramming).

Fazit

Das Tunneln ist eine recht schnelle Möglichkeit einen Patienten achsengerecht aus einem Fahrzeug zu befreien, weil dabei gezielt alle verstärkten und gefährlichen Stellen an der Karosserie umgangen werden. Das kann vor allem bei neuen Fahrzeugen viel Zeit einsparen, die dem Patienten zu Gute kommt. Aber auch bei z.B. Unterfahrunfällen kann das Tunneln vom Heck aus eine der wenigen machbaren Rettungstechniken darstellen.

Erweitert werden kann das „Tunneln“ noch durch die weiteren Rettungstechniken „Fischdose“ und „Holländische Dachöffnung“, dazu aber in späteren Artikeln mehr 😉



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Der Autor dieses Artikels:

Patrick Allinger
Ich bin ein begeisterter Feuerwehrmann, der sich vor allem für den Bereich der technischen Hilfeleistung und für die Unfallrettung interessiert. Beruflich bin ich zuständig für das Produktmanagement bei WEBER RESCUE Systems in Österreich. Auf dieser Seite möchte ich mein gesammeltes Wissen an andere Einsatzkräfte und interessierte Besucher weitergeben, um sie im Einsatzalltag zu unterstützen.





  1. Jens Dietrich

    Hallo Patrick, wie immer ein sehr guter Artikel :-).

    Ich weiß, es steht in keiner Norm. Aber was sagst Du zur Rettungsboa? Gerade beim „Tunneln“ bietet diese sich sehr gut an, um den Patienten achsengerecht auf das Spineboard zu „ziehen“. Funktioniert sehr gut.

    mfg Jens


    • Hallo Jens,
      ich selbst konnte praktisch bisher nur beim PHTLS-Kurs Erfahrungen mit der Rettungsboa sammeln. Hat mir dabei wirklich sehr gut gefallen (einfache Anwendung, für viele Lagen einsetzbar) und ist auch als „Patient“ wirklich überraschend komfortabel. Wie das allerdings im realen Einsatz mit echten Verletzen unter Schock aussieht kann ich noch nicht ganz so einschätzen.



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