Ausbildung

24. März 2013

Übungsfehler – unverformte Fahrzeuge

Bei sehr vielen Übungen zur technischen Unfallrettung werden lediglich unverformte Fahrzeuge beübt. Doch diese fehlende Deformierung der Karosserie führt unweigerlich zu Situationen, die nicht auf die Einsatz-Realität zutreffen und damit auch falsche Erwartungen in den Köpfen der Einsatzkräfte setzen. Hauptsächlich wirkt sich das auf die Anwendung von Rettungszylindern aus.

Undeformierte Fahrzeuge verhalten sich anders

Das größte Problem liegt dabei im Wirkbereich der Rettungszylinder, denn während bei verformten Fahrzeugen (nach einem Unfall), die Strukturen lediglich wieder an die Position gedrückt werden müssen, an der sie zuvor waren, wird die Karosserie bei unverformten Fahrzeugen überdehnt. Dabei sind nicht nur deutlich höhere Kräfte nötig, sondern auch der Rest der Karosserie kann sich komplett anders verhalten.

Bei einer Übung muss für den Übungseffekt natürlich eine effektive Bewegung durch den Zylinder-Einsatz zu sehen sein. Also wird das intakte Fahrzeug deutlich verformt um dieses „Aha-Erlebnis“ zu haben. Was hier aber passieren kann ist, dass sich der Schweller nach oben in den Fußraum biegt, oder Karosserieteile einfach abreisen, weil sie für diese Belastung nicht ausgelegt sind. Im realen Einsatz sieht das vollkommen anders aus, denn hier reichen für die Befreiung eingeklemmter Personen meist wenige Zentimeter mehr Platz aus. In jedem Fall aber das Zurückdrücken in den Ausgangszustand, denn wo man hinein gekommen ist, kommt man auch wieder heraus.

Durch die Deformierung beim Unfall hat sich die Karosserie verformt und dabei gleich Knicke gebildet, die uns bei unserer Arbeit deutlich unterstützen. Denn sie bilden Gelenkpunkte um die sich die Karosserie bei der Krafteinwirkung unserer Geräte zurück bewegt (es sind also auch meistens überhaupt keine Entlastungsschnitte notwendig). Dabei ist zum einen weniger Kraft erforderlich (die Karosserieteile sind für diese Position ursprünglich ausgelegt worden) und zum Anderen kommt es zu deutlich weniger unbeabsichtigter Verformungen an anderer Stelle der Struktur.

Andere Rettungszylinder werden notwendig

Während also bei den Übungen sehr lange Zylinder eingesetzt werden müssen, damit zunächst der große Abstand zwischen A- und B-Säule überbrückt werden kann und anschließend noch ein Überdehnen für den Effekt möglich wird, sind im Einsatzfall deutlich kürzere Geräte gefragt. Hier gibt es also einmal die Umgewöhnung direkt zu einem anderen Zylinder zu greifen als sonst immer bei den THL-Übungen, zum Anderen muss das aber auch schon entsprechend bei der Beschaffung berücksichtigt werden.

Bitte nicht den Fehler machen und die benötigten Rettungszylinder an Hand eines undeformierten Fahrzeuges auszuwählen! Diese sind dann mit absoluter Sicherheit im Einsatz zu lang und es muss erst umständlich mit dem Spreizer vorgearbeitet werden. Für das Drücken des Vorderbaues reichen Zylinder mit einer Endlänge von 750-850 mm vollkommen aus, die Anfangslänge sollte dagegen 400-500 mm nicht überschreiten, damit sich der Rettungszylinder optimal mit der Öffnungsweite des Spreizers ergänzt. Mit diesem Hub wird für die meisten Fälle genügend Platz generiert um einen Patienten sicher zu befreien.

Auch die Vorgehensweise ändert sich

Entsprechend hat das Fehlen der Deformierung auch großen Einfluss auf die anfallenden Arbeiten am Fahrzeug. Hier kommen dann plötzlich zusätzliche Arbeitsschritte dazu, die am intakten Fahrzeug nie trainiert wurden, weil schlicht nicht notwendig um genug Raum zu schaffen. Aber nur was wirklich geübt wurde, kann unter Stress und Adrenalin (im Dunkeln) wirklich effektiv angewendet und umgesetzt werden. Beispiele hierfür sind unter anderem:

  • Seitliche Verformung und Einklemmung
  • Einengung der Atmung durch das Dach
  • Nicht funktionierende Sitzverstellungen
  • Geschwächte Strukturen die nicht als Widerlager dienen können
  • Unnötige Entlastungsschnitte
  • Mehr Drücken als Schneiden

Fazit

Mit unverformten Fahrzeugen wird also ein komplett anderer Fall trainiert, der so in der Realität (wenn es wirklich um etwas geht) nicht vorkommt. Dabei wird dann unter Umständen sogar ein falsches Bewusstsein für den Zylinder-Einsatz gebildet, was zu Problemen führt, wenn sich das Fahrzeug an der Einsatzstelle plötzlich anders verhält als man das erwartet hat.

Aus diesem Grund sollte nach Möglichkeit immer an deformierten Karosserien geübt werden, wenn es um den Einsatz von hydraulischen Rettungsgeräten geht. Ein Bagger, Radlader oder Ähnliches sollte sich eigentlich immer über den Bauhof oder ein Unternehmen auftreiben lassen.



Artikel teilen:

Der Artikel hat dir gefallen? Dann teile ihn doch bitte mit deinen Freunden:


Der Autor dieses Artikels:

Patrick Allinger
Ich bin ein begeisterter Feuerwehrmann, der sich vor allem für den Bereich der technischen Hilfeleistung und für die Unfallrettung interessiert. Beruflich bin ich zuständig für das Produktmanagement bei WEBER RESCUE Systems in Österreich. Auf dieser Seite möchte ich mein gesammeltes Wissen an andere Einsatzkräfte und interessierte Besucher weitergeben, um sie im Einsatzalltag zu unterstützen.





  1. Lennart Kutzner

    Gibt es aus dem Umfeld der Rescue-Challenge-Teams vielleicht Tipps, wie ein Fahrzeug unfall-realistisch verformt werden kann? Der eine oder andere „Übungsprofi“ liest doch bestimmt mit. Oder hast Du noch weitere Tipps, Patrick?


    • Hallo Lennart,
      zu diesem Thema werde ich sicher auch noch einmal einen ausführlicheren Artikel schreiben, da gibt es doch einiges was sich da machen lässt. Grundsätzlich ist aber das Meiste mit einem Bagger + Baumstamm zu erreichen. Der Einfachheit halber hier ein Bild der FF Vilseck auf Facebook: http://on.fb.me/XB9jTJ
      Damit lassen sich der Seitenanprall und das Eindrücken des Daches/Armaturenbrettes wunderbar nachstellen. Schwieriger wird es bei einem realistischen Frontalaufprall. Da das Fahrzeug immer auch auf der Rückseite irgendwo gegengedrückt werden muss, wird es nie eine reine Verformung an der Front geben.


      • Wir haben erst kürzlich eine etwas größere Ausbildungseinheit zum Thema Eingeklemmte Personen absolviert. Wir haben sehr gute Erfahrungen mit einen Bagger gemacht. Wir konnten sehr gute Unfallszenarien darstellen z.B. ein Unterfahrunfall eines PKW`s unter einen LKW Auflieger und ein Frontalcrash, PKW gegen Traktor.
        Um das ganze noch Realer darzustellen haben wir auch gleich die möglichen Unfallgegner mit aufgestellt. Somit konnten die Einsatzkräfte auch gleich noch die Gefahren beseitigen die auf sie selbst wirken könnten.
        Wirklich sehr gut klappte es die Übungspuppen im Fußraum, Armaturenbrettbereich und im Lenkradbereich einzuklemmen.
        Wir konnten für die Hydraulischen Rettungsgeräte knifflige Situationen schaffen und die Einsatzkräfte waren voll gefordert. Ein Bericht und Bilder kann man auf http://www.feuerwehr-schmorkau.de einsehen.


  2. Bin schon sehr auf diesen ausführlichen Beitrag gespannt, bei unseren Verformungsversuchen mit dem Kommunaltraktor stoßen wir selbst bei alten Fahrzeugen schnell an die Grenzen. Das Fallenlassen vom Frontlader (was bei 3 m Höhe ungefähr einen Aufprall mit 30 km/h entspricht) ist da schon fast das effektivste. Wenn man da z.B. gleich den Baumstamm unterlegt hat man auch Bagger den idealen Seitenaufprall.


  3. Martin Setzer

    Wir nehmen dazu Rücketraktoren aus dem Forstbereich. Die haben die nötige Power (starke Seilwinden) und Selbstsicherung (Rückeschilder). Damit erzielen wir sehr gute Ergebnisse. Zum Teil verformt sich sogar der Schweller mit. Wichtiger Tipp: Türen vorher abschließen, damit sie nicht „aufplatzen“. Ich kann Dir Patrick gern mal etwas dazu zur Verfügung stellen. Bilder müsste ich auch noch haben. Dann kannst Du die hier in einem Artikel verarbeiten. Meld Dich bei mir, Email hast Du. Was auch geht, ist, den PKW gegen etwas Stabiles (Betoneck, Baum,…) zu schieben mit einem Radlader oder Traktor. Hier muss allerdings zwingend beachtet werden, dass der Beton oder der Baum nicht nachgibt, bzw. bei Bäumen keine Umweltschäden entstehen. Fragt einfach mal nach, ob Ihr den PKW nicht mal gegen einen großen Holzhaufen aus Langholz schieben könnt. Der hält das aus. Aus Umweltgründen: Unbedingt Flüssigkeiten vorher(!) raus und nicht mit Ölbinder sparen. Es läuft immer etwas aus.


  4. Hi, wir nehmen immer den Bagger vom Bauhof.


  5. Manuel Fechtner

    Moin aus Kiel.

    Wir haben gute Erfahrung mit einem Kran gemacht, dies ist jedoch sehr aufwendig und nicht immer so einfach zu realisieren.
    http://www.retter.tv/de/feuerwehr.html?ereig=-Kiel-Verkehrsunfallrettung-bei-der-Feuerwehr-&ereignis=26348

    Für einfache Dienstabende mit TH Teil benutzen wir einen Findling von 1500 kg kombiniert mit einem Frontlader. Die Aufprallenergie reicht bei 4 Meter Fallhöhe für alle Deformationen am PKW.

    Gruß aus Kiel


  6. Manuel Fechtner

    Die Unfallrealistische Darstellung ist unumgänglich, wenn es darum geht bei der Werkzeugauswahl Erfahrung zu sammeln. Als Vergleich sei da der Spannungsfreie Baum zum sägen genannt. Jeder weiß das eine verformte Karosserie Zug- und Druck Zonen enthält. Der oftmals propagierte Einsatz von Säbelsägen oder sogar Kreissägen ist an solch einer verspannten Karosserie nur in sehr begrenztem Maße möglich. Beim spanenden Trennen wird dies in der Druckzone sehr deutlich, ähnlich dem Einparken einer Kettensäge.



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.