Grundlagen

14. Oktober 2012

Einsatztaktische Besonderheit einer LKW-Fahrerhausaufhängung

Im Gegensatz zu einer PKW-Karosserie besteht ein LKW aus zwei Teilen. Dem eigentlichen Fahrgestell und der darauf aufgesetzten Kabine. Beide Teile sind nur über 4 Punkte miteinander verbunden, diese Verbindungsstellen dienen gleichzeitig zur Federung des gesamten Fahrerhauses. Aus diesem Grund ist mit LKWs bei der Stabilisierung und Sicherung der Kabine komplett anders vorzugehen, als bei einem PKW.

Warum diese Trennung?

In Europa ist die maximale Fahrzeuglänge auf 18,75 Meter beschränkt. Um mehr Ladung pro LKW transportieren zu können, wurde der Motor unter die Kabine versetzt und so das Zugfahrzeug deutlich verkürzt. Das bedingt aber, dass man zur Wartung immer noch an den Motor herankommen muss. Hierzu lässt sich die komplette Kabine mittels einer hydraulischen Fahrerhaus-Kippanlage nach vorne kippen. Die beiden vorderen Aufhängungspunkte dienen dabei als Gelenk, während die hinteren beiden, bzw. deren Schloss geöffnet wird, um das Kippen zu ermöglichen.

Luftfederung und Aufhängung einer LKW-KabineAußerdem handelt es sich bei der LKW-Kabine um den dauerhaften Arbeitsplatz des Fahrers. Um hier für Komfort zu sorgen, muss die Kabine deutlich besser gefedert werden als bei einem PKW. Hierzu gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder sind die Aufhängungspunkte als Luftfederbalg, oder als wirkliche Feder ausgestaltet. Dies hängt von der Federungsart des Fahrwerkes ab. Ist dieses luftgefedert, ist die Kabine mit Sicherheit nicht luftgefedert und anders herum. Hier können wir also bereits von außen sehen mit was wir zu rechnen haben.

Der dritte und wichtigste Punkt: Durch das Verlegen des Motors unter den Fahrer wurde jegliche Knautschzone entfernt. Nach der Frontverkleidung der Kabine kommt nur noch etwas Plastik, bevor der Fußraum des Fahrers beginnt. Aus diesem Grund sind die vier Aufhängungspunkte gleichzeitig als Sollbruchstellen konzipiert, die bei einem Auffahrunfall sofort abreißen und damit eine Bewegung der kompletten Kabine nach hinten ermöglichen.

Was bedeutet das für uns?

Zunächst einmal muss die Kabine gesichert werden, bevor sie betreten werden kann, also auch bevor man mal eben einen Blick in die Kabine wirft, um den Patientenzustand zu beurteilen. Denn es ist ohne Probleme möglich, die Kabine mit der bloßen Hand in starke Schwingungen zu versetzten. Am Besten also die Kabine mit einem Spanngurt über dem Dach auf das Fahrwerk spannen, um den Federweg der Kabine zu unterdrücken, und das Fahrwerk unterbauen.

Funktionsweise der „Knautschzone“

Überlebensraum nach einem Auffahrunfall

Überlebensraum (Kasten) nach einem Auffahrunfall

Bei einem Auffahrunfall sollen und werden wie 4 Aufhängungspunkte der Kabine abreißen, sodass sich die Kabine nach hinten bewegen kann. Dadurch entsteht eine Knautschzone, durch deren Verformung ein großer Teil der Energie abgebaut werden kann. Damit die Kabine aber nicht endlos nach hinten geschoben wird (sollte keine Ladung angehängt sein), gibt es einen Fangbügel, der sich in den Kühler und anschließend in den Motorblock bohrt, um die Kabine gezielt abzubremsen. Der Fangbügel ist auf dem Gesamtbild sehr gut zwischen den beiden vorderen Aufhängungspunkten zu erkennen. Durch ihn wird die Kraft nach hinten zu der Hinterachse abgeleitet und so noch mehr Energie abgebaut, ohne das die Kabine hinten vom Fahrgestell fällt. Auf diese Weise kann sich die Kabine gut 50-80 Zentimeter nach hinten bewegen und ermöglicht dem Fahrer so einen Überlebensraum (im Bild an der Seite als blauer Kasten eingezeichnet).

LKW-FahrerhaussicherungFür uns bedeutet das aber, dass die Kabine nicht mehr mit dem Fahrgestell verbunden ist und nur noch locker aufliegt. Es ist also nicht möglich in irgend einer Art und Weise am Führerhaus zu ziehen (beispielsweise um zwei aufeinander gefahrene LKW voneinander zu trennen und dadurch Arbeitsplatz zu gewinnen), ohne Gefahr zu laufen, die Kabine vom Fahrgestell zu ziehen. Es ist also auch hier nötig uns wichtig, dass die Kabine fest auf das Fahrgestell gezurrt und je nach Lage zusätzlich gegen Umkippen stabilisiert wird, bevor wir mit unseren Arbeiten beginnen.

Fazit

Bevor an einem LKW erkundet und gearbeitet wird, muss zunächst der Zustand der Kabinen-Aufhängung überprüft und diese entsprechend fixiert werden. Erst anschließend kann die Kabine für eine erste Innenraumerkundung bestiegen werden. Sollten die Sollbruchstellen der Aufhängung abgerissen sein, darf nur mit aller höchster Vorsicht an der Kabine gezogen werden. Selbst wenn nur der vordere LKW nach einem Aufahrunfall weg bewegt werden soll, muss darauf geachtet werden, dass sich die Kabine nicht mit dem anderen LKW verhakt hat und dadurch vom Fahrgestell gezogen wird!



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Der Autor dieses Artikels:

Patrick Allinger
Ich bin ein begeisterter Feuerwehrmann, der sich vor allem für den Bereich der technischen Hilfeleistung und für die Unfallrettung interessiert. Beruflich bin ich zuständig für das Produktmanagement bei WEBER RESCUE Systems in Österreich. Auf dieser Seite möchte ich mein gesammeltes Wissen an andere Einsatzkräfte und interessierte Besucher weitergeben, um sie im Einsatzalltag zu unterstützen.





  1. Florian Günther

    Hallo,
    interessanten Artikel hast du wieder geschrieben. Was mich stutzig macht, ist folgende Aussage: „Entweder sind die Aufhängungspunkte als Luftfederbalg, oder als wirkliche Feder ausgestaltet. Dies hängt von der Federungsart des Fahrwerkes ab. Ist dieses luftgefedert, ist die Kabine mit Sicherheit nicht luftgefedert und anders herum.“. Ich denke irgendwo gelesen haben, dass die Hersteller inzwischen auch in der Lage sind, eine Luft-auf-Luft Federung zu verwenden und dass diese Technik auch verbaut wird. Ist da jemandem näheres bekannt?

    Grüsse,
    Florian


    • Hallo Florian, danke für deinen Einwand! Das kann natürlich durchaus sein, dass es da jetzt inzwischen eine Lösung gibt. Ich habe gestern schon ähnliches gehört. Werde mich gleich näher erkundigen und umhören. Ich melde mich wieder!


      • Florian Günther

        Hallo Patrick,
        konntest du in der Zwischenzeit schon rausfinden, ob Luft-auf-Luft verbaut wird und von welchem Hersteller?

        Grüsse, Florian.


        • Fabian F.

          Hallo Florian,

          ich hab gestern auf der Arbeit mal nachgesehen.
          Hab dort einen Mercedes Actros mit Luft-auf-Luft Federung gefunden.

          Grüsse Fabian


    • Stefan ofner

      Hallo Leute
      bezüglich der Angabe von Patrick kann ich als Unternehmer eines Transport Unternehmens Sagen das es nicht von der Federung des Fahrgestell abhängig ist welche kabinenfederung verbaut ist!!!!! Ich betreibe Fahrzeuge die Luft gefedert sind bei Fahrgestell und Kabine und auch umgekehrt!!
      Was sicher nicht empfehlenswert ist das versucht wird bei einer luftgefederten Kabine die luftbälge Luftlos zumachen um auf eine Stabilisierung oder Sicherung zu verzichten !!!
      Mann kann dadurch denn Patienten durch Verkleinerung von Hohlräume im Fußraum noch mehr verletzen !!!!!!
      Zustand bei belassen und mit spanngurte bzw wer hat stabfast XL verwenden
      Lg Stefan


  2. UW

    Eine LKW-Kabine kann sich bei einem Unfall aber auch schon mal vom Fahrgestell lösen.
    Unter Umständen mit fatalen Folgen für den Fahrer. Hier hatter er Glück:

    http://osthessen-news.de/G/1220602/niederaula-schwerer-lkw-unfall–fahrerhaus-abgerissen-oesterreicher-im-glueck-video.html


  3. Flo

    Hallo,

    Patrick das ist wirklich ein sehr guter Artikel, wie die anderen ;). Man erfährt ständig etwas neues. Ich persönliche habe gerade im Bereich der LKW-Rettung einige viele Defizite. Ich würde mir mehr Infos, Tipps und Tricks zu dem Thema wünschen.

    Grüße

    Flo


    • Hallo Florian, dann kann ich dir für den Anfang auf jeden Fall das Sondermagazin LKW-Rettung empfehlen. Da ist wirklich schon sehr viel zum Thema sehr gut erklärt. Es wird aber in der nächsten Zeit noch das ein oder andere zur LKW-Rettung folgen.


  4. C W

    Hallo Leser, zur obengenannten Frage ob Luftfederung bei Luftgefedertem Fahrwerk, oder nicht ist folgendes zu sagen.
    I.d.R. gibt es alle Varianten und Kombinationen, da dies von der Bestellung vom Kunden (Spedition) beim Hersteller abhängt.
    Luftfederungen bei LKW Fahrerhäusern werden in erster Linie als Komfortausstattung angeboten und sind gegen Mehraufpreis erhältlich. Auf Grund des geringen Preisunterschiedes zur herkömmlichen Variante (nur Stahlfeder) sind die Luftgefederten LKW Fahrerhäuser öfter anzutreffen.
    Fazit: Federungsart von LKW Fahrerhäusern ist unabhängig von der Federung des Fahrwerkes.


  5. Lukas Kubik

    Hallo Patrick;

    da ich nicht weiß, wie es um eure LKW-Kompetenz (von der Technik allgemein) steht, möchte ich kurz etwas beitragen. Ich bin in der FFW und neben meinem eigentlichen Beruf fahre ich noch halbwegs regelmäßig LKW bei einer Spedition. Dabei konnte ich bereits Mercedes, Volvo und Scania kennen lernen. Mercedes hat seid Actros MP2 die Kabine KOMPLETT luftgefedert, zusätzlich zum Fahrwerk. Zudem sollte man beachten, dass heute Fernverkehrs-LKW nur noch selten KEINE Luftfederung im Fahrwerk besitzen. Lediglich der ein oder andere Verteiler-LKW (die „kleineren“), mehrere Gelände-Modelle oder ein älteres Baujahr haben ein konventionelles Fahrwerk mit Blatt- oder Schraubenfedern.
    Ansonsten kann man getrost davon ausgehen, dass auch die Kabinen luftgefedert sind. Scania hatte beim vorletzten R-Modell (Sattelzugmaschine) noch 2 Luftbälge hinten und vorne Scharniere, Volvo hat meines Wissens auch komplett Luftfederung an der Kabine.

    Mercedes war in der Hinsicht meiner Meinung nach sehr schlimm, in der Kiste kam man sich in der Kurve vor wie auf einem Kamel, das schwankt.

    In Sachen Einsatztaktik bin ich kein Freund davon, die Kabine einfach auf dem Fahrgestell festzuschnallen. Hat man dann irgendwo am System einen Druckverlust, der auch den Luftkreis der Kabinensteuerung betrifft, kann diese schnell absacken. Es sind zwar nur ein paar Zentimeter, aber die Bewegung ist unkontrolliert und oft unerwartet. Besser ist da – sofern vorhanden – ein großes Stab-Fast-System, oder ein Versuch, die Kabine mit Rüsthölzern o.Ä. zu unterlegen. Aber auch das ist je nach Zustand des Gesamtfahrzeugs nach dem Unfall schlecht möglich…


  6. Bernd

    Guten Abend.

    Die Luftfederung am Fahrgestell ist zwar als Aufpreispflichtiges Teil beim Scania mitzubestellen, aber die Fahrerhausfederung ist seit ca 15 Jahren serienmässig bei Scania.
    Da wir nur Scania haben kann ich zu anderen Herstellern nicht beitragen.
    Also auch beides luftgefedert möglich beim Schweden , Haus und Fg.
    Schönen Abend.



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