Grundlagen

30. April 2012

Glasmanagement Teil 2: Die Besonderheiten von Einscheiben-Sicherheitsglas

Glasmanagement: Körnen des ESG mit hartem Patientenschutz

Nach dem es im ersten Teil der Serie vor allem um den Umgang mit Verbundglasscheiben ging, folgt nun der zweite Typ Scheiben, mit denen wir bei der Unfallrettung in Kontakt kommen können und zwar dem Einscheiben-Sicherheitsglas (ESG). Dabei gibt es einige Besonderheiten die man kennen sollte, damit nicht unnötig Zeit verschwendet und die Patienten sowie die Einsatzkräfte gefährdet werden!

Allgemeine Hinweise zu Einscheiben-Sicherheitsglas

Im Gegensatz zu den Verbundglasscheiben besteht Einscheiben-Sicherheitsglas, wie der Name schon sagt, aus nur einer Scheibe. Diese ist auch nicht durch eine Folie verklebt und kann daher in kleine Einzelteile zersplittern. Im Gegensatz zu normalem Glas wird das ESG aber bei der Herstellung auf über 600°C erhitzt und anschließend schlagartig abgekühlt. Durch die schnellere Abkühlung der Oberfläche entstehen Spannungsunterschiede zwischen Kern und Oberfläche, die bei einem Bruch der Scheibe dafür sorgen, dass nur kleine Splitter ohne scharfe Kanten entstehen. Genau aus diesem Grund wird ESG vor allem im Automobilbau eingesetzt. Zu erkennen ist es an dem auf jeder Scheibe (in der Ecke) angebrachten Aufdruck an den Stichworten „ESG“, „Safety Glas“, „Tempered Glass“ oder wenn die beiden parallelen Striche „//“ für das Verbundsicherheitsglas fehlen.

Diese Fensterscheiben können also mit einem Federkörner oder einem anderen spitzen und harten Gegenstand zerstört und damit entfernt werden. Da die Scheiben wie schon erwähnt unter Spannung stehen, fliegen die Splitter dabei bis zu 20 Meter weit und können dabei trotz der abgerundeten Kanten zu schwerwiegenden Verletzungen (gerade im Gesicht und an den Augen) führen. Darauf muss beim Glasmanagement geachtet werden, damit die richtige der vielen Möglichkeiten zur Entfernung von ESG gewählt wird.

In aller Regel wird Einscheiben-Sicherheitsglas mit Hilfe eines sogenannten Federkörner (Hartmetallspitze die durch eine Feder mit Druck gegen die Scheibe gedrückt wird) zerstört. Dabei sollte man im Sinne seiner eigenen Sicherheit darauf achten möglichst nahe am Rand des Fensters anzusetzen. Dieses Vorgehen hat zwei einfache Gründe: am Rand ist nicht nur die Oberflächenspannung der Scheibe geeigneter um sie mit einem Federkörner beim ersten Mal zu Bruch zu bringen, man verhindert außerdem dass man beim Zertören mit der Hand durch die Scheibe bricht und sich dabei Schnittverletzungen zu zieht. Das ist vor allem dann entscheidend wenn man das ESG mit einem Dorn eines Rettungsmessers einschlägt (hier muss der Druck selbst durch eine Schlagbewegung aufgebracht werden).

Möglichkeiten zum Entfernen von ESG

Wenn nach dem Unfall noch Einscheiben-Sicherheitsglas im Fahrzeug enthalten sein sollte, gibt es mehrere Wege dieses sicher und schnell zu entfernen. Dabei unterscheiden sich die Möglichkeiten vor allem in der benötigten Zeit. Kriterium für die Wahl eines Weges sollte der Abstand zum Patienten und die Witterungsbedingungen sein. Sortiert sind die nun beschriebenen Möglichkeiten nach der Dauer der Maßnahmen.

Scheiben im Fahrzeug belassen

Es ist nur nötig die Seitenscheiben zu entfernen, wenn auf diese Scheiben Druck durch die Arbeiten mit den Rettungsgeräten ausgeübt werden könnten. Denn nur durch diese Krafteinwirkung kann es zu einem nachträglichen Springen der Scheiben kommen, was vor allem unkontrolliert und überraschend abläuft. Ist diese Gefahr aber nicht gegeben, weil z.B. auf der Beifahrerseite überhaupt nicht gearbeitet wird, können die dortigen Scheiben im Fahrzeug belassen werden. Das ist vor allem dann entscheidend, wenn die Zeit knapp oder das Wetter schlecht ist. Denn mit jeder zu entfernenden Scheibe sind Einsatzkräfte gebunden und es kann mehr der Witterung (Regen, Wind, Schnee) in das Fahrzeug gelangen.

Gerade bei Übungen, oder wenn im Verlauf der Rettungsarbeiten Kapazitäten frei (und die Witterung nicht ausschlaggebend) sind, sollten aber auch diese Scheiben entfernt werden, damit garantiert nichts passieren kann. Denn es laufen auch immer wieder Personen ohne Schutzausrüstung durch die Einsatzstelle, bei denen eine unkontrolliert zerbrechende Scheibe gefährlich werden kann.

Scheiben ohne Schutz zerstören

Glasmanagement: Herabfallende Splitter mit Folie auffangen

Herabfallende Splitter können mit einer vorher eingelegten Folie aufgefangen und entfernt werden.

Ist die Scheibe weit genug von den Patienten weg (z.B. Heckscheibe) und werden vorher alle beteiligten Personen ausdrücklich gewarnt: „Vorsicht Glas!“, kann die Scheibe ohne vorherige Schutzmaßnahmen einfach gekörnt werden. Dieses Vorgehen ist hauptsächlich bei einer ersten Zugangsöffnung wichtig, wenn noch kein Schutz von Innen angebracht werden kann. Aber auch bei sonstigen weit entfernten Scheiben kann dieses Vorgehen angewendet werden, um die Scheiben schnell zu entfernen.

Sofern irgendwie möglich muss der Patient bei dieser Maßnahme vor den Splittern geschützt werden! Dies ist durch eine einfache transparente Folie möglich, die als weicher und flexibler Schutz über Patient und inneren Retter gezogen wird. Ich empfehle hierfür eine antistatische Folie die nicht auf den Personen darunter „klebt“.

Schutz von Innen

Ist schon eine Einsatzkraft im Fahrzeug bietet es sich an die Scheiben von Innen abzudecken. Dadurch kann ebenfalls wieder ohne weitere Schutzmaßnahmen gekörnt werden. Da die Splitter aber durch den Schutz nicht nach Innen fliegen können, bietet sich diese Maßnahme auch in der Nähe des Patienten an. Es muss aber auf jeden Fall auch wieder im Vorfeld für alle Einsatzkräfte angekündigt werden.

Als Schutz kann neben speziellen Schutzfolien und harten Schutzplatten aus PVC auch verschiedenstes Material aus dem Fahrzeug verwendet werden. Hier bieten sich vor allem die Fußmatten an, die eigentlich in fast jedem Fahrzeug zu finden sein sollten.

Scheiben in der Fahrzeugtür versenken

Als weitere Möglichkeit kann die Seitenscheibe auch in der Fahrzeugtür versenkt werden. Wird der Schlitz anschließend abgeklebt oder abgedeckt, muss sie dort nicht einmal zerstört werden. Am sichersten ist es allerdings wenn die Scheibe sicherheitshalber direkt in der Tür gekörnt wird (kleinen Spalt herausstehen lassen und abdecken). Dabei können die Splitter nur nach oben aus dem Spalt geschleudert werden, was durch das Abdecken verhindert wird.

Fensterscheibe abkleben

Glasmanagement: ESG mit Klebeband abklebenDie letzte aber auch aufwändigste Möglichkeit ist das Abkleben der Scheibe, um eine Verbundsicherheitsscheibe zu simulieren. Das Glas sollte also nach Möglichkeit nicht in einzelne Körner zerfallen, sondern an einem Stück bleiben und so entnommen werden.

Zum Abkleben kann Klebeband (von einem Abroller), Sprühkleber oder Klebefolien (z.B. Packexe Smash) verwendet werden. Alle Systeme haben aber eines gemeinsam: Die Anbringung dauert lange und die Klebekraft auf nassen Scheiben ist nicht besonders hoch.

Tipp: Bei der Verwendung von Klebeband können gleich noch „Griffe“ mit an die Scheibe angebracht werden, damit das Glas nach dem Körnen leichter an einem Stück nach Außen abgenommen werden kann.

Weitere Maßnahmen nach dem Körnen

Ist die Hauptscheibe mit einer der eben beschriebenden Maßnahmen entfernt worden, bleiben an den Rändern (vor allem an der Heckscheibe) trotzdem noch scharfe Kanten zurück. Es ist also nötig den Rand noch einmal ab zu fahren, um die letzten Glasreste zu entfernen und das Verletzungsrisiko zu minimieren. Denn durch die Fenster wird immer wieder der Kopf ins Innere gesteckt, oder der Innere Retter und weiteres Personal steigt durch dieses Fenster ein. Liegt das Fahrzeug gar auf der Seite liegen die oberen Scheiben schnell in der ungeschützten Höhe des Halses. Für dieses Ausglasen sollten aber nicht die Hände verwendet werden. Warum habe ich bereits in einem früheren Artikel ausgiebig beantwortet: Nicht mit den Händen ausglasen

Anschließend sollten die entsprechenden Kanten zusätzlich noch mit Schutzdecken gesichert werden! Als Schutz für Einsatzkräfte, Patienten und Material. Denn gerade die Schläuche der Rettungsgeräte und andere Gerätschaften die ins Innere gegeben werden, können leicht an diesen Kanten beschädigt und damit unbrauchbar werden.

Die gekörnten Scheiben können zum großen Teil z.B. durch eine Schuttmulde aufgefangen werden. Damit sind sie direkt weg von der Einsatzstelle und stören die folgenden Arbeiten nicht. Die restlichen Splitter sollten laufend unter das Fahrzeug gekehrt werden, denn diese sind (gerade bei nassen Witterungsbedingungen) glatt wie Eis und können somit zu einer Unfallquelle werden.

Unbedingt notwendige Schutzausrüstung

Wenn es an das Glasmanagement geht, sollte zusätzlich zum verwendeten Visier unbedingt eine Schutzbrille für die Augen getragen werden. Eine Glasstaubschutzmaske ist allerdings nur für das Sägen der Verbundglasscheiben wichtig. Außerdem sollte darauf geachtet werden, dass der Kragen der Einsatzjacke komplett geschlossen ist, um den Hals vor den scharfen Kanten zu schützen

Warum aber zusätzlich eine Schutzbrille? Gerade bei den Arbeiten an den ESG-Scheiben kommen die Splitter meistens von unten. Dagegen bietet das Visier (auch wenn es sehr dicht anliegt) keinen ausreichenden Schutz. Schnell gelangen die Splitter darunter und bilden dann erst recht eine Gefahr für die Augen. Dagegen hilft also nur eine Schutzbrille, die wirklich an der Unterseite 100%-ig anliegt. Ein weiterer Grund liegt darin, dass das Visier sehr schnell beschlägt, oder wegen der verbesserten Kommunikation (oder auch einfach aus Bequemlichkeit) sofort wieder nach oben geklappt wird, wenn man nicht mehr direkt am Fahrzeug steht. Wie weiter oben aber beschrieben, können die kleinen Splitter sehr weit fliegen!

Ich musste das erst vor kurzem bei einem Seminar wieder erleben. Das Fahrzeug lag auf der Seite und das ESG der oberen Scheiben wurde entfernt, indem das Glas in der Türe versenkt, dort gekörnt und anschließend durch Klebeband geschützt wurde. Beim Entfernen der oberen Türe wurde allerdings schlagartig ein gewaltiger Druck auf die Türe aufgebracht, wodurch die Splitter aus dem Spalt der Türe geschossen wurden. Ein Kamerad der in etwa 10 Metern Entfernung stand hat einige dieser Splitter abbekommen, aber zum Glück eine Schutzbrille getragen. Denn das Visier war natürlich hochgeklappt und die Blickrichtung direkt in Richtung des Fahrzeuges.

Diese zusätzliche Sicherheit sollte uns die Schutzbrille (einstelliger Eurobetrag) wert sein. Gerade die modernen Schutzbrillen tragen sich auch äußerst bequem und fallen nach kurzer Zeit schon gar nicht mehr auf!

Nächster Artikel

Im letzten Artikel der Glasmanagement-Serie geht es dann um die zukünftige Entwicklung im Fahrzeugbau, die Einfluss auf das Vorgehen mit den Scheiben nehmen werden. Der Artikel dreht sich also hauptsächlich um Ausnahmen zu den bisher getroffenen Aussagen, die in ein paar Jahren bereits zum Standard werden könnten.



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Der Autor dieses Artikels:

Patrick Allinger
Ich bin ein begeisterter Feuerwehrmann, der sich vor allem für den Bereich der technischen Hilfeleistung und für die Unfallrettung interessiert. Beruflich bin ich zuständig für das Produktmanagement bei WEBER RESCUE Systems in Österreich. Auf dieser Seite möchte ich mein gesammeltes Wissen an andere Einsatzkräfte und interessierte Besucher weitergeben, um sie im Einsatzalltag zu unterstützen.





  1. Daniel

    Danke für die Tipps! Vieles kenne ich schon aber trotzdem immer was Neues dabei!

    Kameradschaftliche Grüße aus Österreich


  2. Flo

    Die Tipps sind wirklich klasse und dieser Artikel fasst meiner Meinung nach das wichtigste zusammen.

    Bei uns wurde nun Pack Exe beschafft. Habe damit bisher nur einmal kurz gearbeitet, ist von grundsätzlich ein gutes System, man muss jedoch überlegen, ob es in der jeweiligen Situation sinnvoll ist oder nicht.

    Das Thema Glasmanagement wird, zumindestens in meiner Wehr, nicht ausreichend behandelt und immer als nebensächlich abgetan, eigentlich Schade.


  3. Basti

    Schöner Artikel!
    Aber irgend wie kenn ich die Bilder.

    Gruß aus dem schönen Markgräflerland.



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