Grundlagen

17. April 2012

Glasmanagement Teil 1: Der richtige Umgang mit Verbundglasscheiben

Hiermit starte ich eine dreiteilige Artikelserie zum Thema Glasmanagement. Den Anfang macht der richtige Umgang mit den Verbundglasscheiben (VSG), bevor es dann in den kommenden Teilen um das Einscheibensicherheitsglas (ESG) und die zukünftige Entwicklung im Bereich Glasmanagement geht. Der erste Teil besteht aus einer Mischung aus Erklärung und hilfreichen Tipps, die den Umgang mit den Verbundglasscheiben erleichtern und die Belastung für Patienten und Helfer reduzieren.

Allgemeine Hinweise zu Verbundglasscheiben

Verbundglasscheiben bestehen aus zwei Glasschichten, die in der Mitte mit einer Folie zusammengeklebt sind. Diese Folie verhindert, dass das VSG im Unterschied zu den einfachen Scheiben (ESG) in tausend Teile zerspringt und sorgt für eine gewisse Stabilität. Daher wird Verbundglas hauptsächlich bei den Frontscheiben eingesetzt, um ein unkontrolliertes Zerspringen bei Steinschlag und anderen Einwirkungen von außen zu verhindern. Außerdem bildet die Frontscheibe immer öfters auch ein tragendes Element in der Karosserie und dient mit zum Ableiten der Kräfte bei einem Unfall.
Zu erkennen ist es am Aufdruck (in einer der Ecken) z.B. an den Vermerken „VSG“ oder zwei parallelen Strichen „//“.

Diese Scheiben können also nicht einfach gekörnt werden, sondern müssen aufwändig und unter Erzeugung von Glasstaub gesägt werden. Hat man Glück und es handelt sich um ein älteres Fahrzeug, kann die Frontscheibe auch mit einem Gummi eingelassen sein. In diesem Fall reicht es aus, den Gummi mit einem Messer zu durchtrennen und die Scheibe an einem Stück zu entnehmen (übrigens: Bei LKW sind gummierte Scheiben auch weiterhin Standard). Es ist also ratsam, so wenig wie möglich zu sägen, um den gesundheitsschädlichen Glasstaub, der leicht eingeatmet wird und sich in der Lunge absetzt, bzw. sich auf die offenen Wunden und Kleider legt, bestmöglich zu vermeiden.

8 Tipps zum Sägen von Verbundglas

Die nachfolgenden Tipps sind in der Reihenfolge sortiert, in der sie beim Einsatzablauf wichtig werden und bauen teilweise aufeinander auf. Der Einfachheit halber wird das vollständige Programm aufgelistet, obwohl sicher nicht immer alle Tipps wichtig und richtig sind.

Persönliche Schutzausrüstung

Beim Sägen von Glas ist es extrem wichtig, dass sich so wenig Einsatzkräfte wie möglich im direkten Arbeitsbereich aufhalten und diese wenigen alle eine Schutzbrille und eine Glasstaubschutzmaske tragen. Dabei auch die Patienten nicht vergessen und zusätzlich mit einer antistatische Folie abdecken, damit nichts in die Wunden kommt! Während des Sägens fliegen größere Glassplitter durch die Gegend und es entsteht eine große Menge an Glasstaub, wie auf dem Artikelbild sehr gut zu sehen ist. Diese Splitter kommen hauptsächlich von unten und damit auch unter das Visier und der Staub wird sehr leicht eingeatmet. Das ist zwar ganz sicher lästig und im Sommer alles andere als angenehm, aber ganz ehrlich: wer will schon scharfkantiges und spitzes Glas in der Lunge und den Augen?

Vorher die Säulen schneiden

Vor dem Durchtrennen der Frontscheibe sollten zuerst die A-Säulen geschnitten werden. Dabei entsteht bereits auf beiden Seiten ein Ansatzpunkt für die Glassäge, so dass nicht extra ein Loch in das Glas geschlagen werden muss. Außerdem ist bereits ein Stück der Scheibe durchtrennt, wodurch gleich wieder weniger Glasstaub entsteht.

Ansatzpunkt schaffen

Ist das nicht möglich oder soll nicht die komplette Scheibe durchtrennt werden muss eben doch zuerst ein Loch in die Scheibe geschlagen werden. Dafür auf keinen Fall den Klebepunkt des Innenspiegels verwenden, auch wenn er einen idealen Zielpunkt bietet. Der Spiegel würde unkontrolliert im Innenraum herumfliegen. Stattdessen sollte ein Loch in einer der oberen Ecken geschlagen werden. Von dort aus kann in zwei Richtungen gesägt werden. Zuerst längs über die Scheibe und in einem Zug nach unten, danach (Scheibe gegen das Nachinnenfallen sichern) auf der zweiten Seite nach unten.

Nicht zu tief sägen

Der Schnitt darf nicht zu tief angesetzt werden. Dort ist durch das nach innen eindringende Sägeblatt sonst ständig das Armaturenbrett im Weg und verhindert ein komplettes Ausnutzen der Sägeblattlänge. Damit wird kostbare Zeit vergeudet.

Nur Zugbewegungen

Das Sägeblatt des Glasmaster funktioniert nur in Zugrichtung. Diese Strecke sollte also komplett und möglichst gleichmäßig zurückgelegt werden. Die Gegenbewegung sollte dagegen ohne großen Kraftaufwand und ohne Druck auf den noch nicht getrennten Teil ausgeführt werden, damit das Sägeblatt nicht verkantet.

Glasstaub mit Wasser binden

Der entstehende Glasstaub kann (zumindest zu einem Teil) direkt auf der Scheibe gebunden werden. Hierzu eignet sich am besten einfaches Wasser aus einer Sprühflasche, zu dem noch etwas Spülmittel gegeben werden kann, um die Oberflächenspannung zu reduzieren. Dieses Wasser wird während dem Sägen laufend direkt auf die Schnittfläche aufgesprüht. Der ab und zu auch verwendete Rasierschaum ist dagegen weniger geeignet, da er beim Sägen durch die Gegend spritzt und auch nicht mehr Staub bindet als das reine Wasser.

Alternative Trennwerkzeuge

Statt der Säge kann in manchen Situationen auch die Metallschneidklaue des Halligan-Tools bzw. ein separater Blechaufreiser zum Durchtrennen der Verbundglasscheibe verwendet werden. Dabei entstehen nur grobe Glassplitter, die deutlich weniger gefährlich sind.

Auch eine Säbelsäge kann – vorausgesetzt es wird ein hochwertiges und geeignetes Sägeblatt verwendet – für die Frontscheibe verwendet werden. Dabei entsteht allerdings mehr und feinerer Staub der gleichzeitig auch noch weiter fliegt, dass muss beim Schutz des Patienten und natürlich auch beim Eigenschutz beachtet werden..

Alternative Rettungstechniken zum Entfernen der Frontscheibe

Das Trennen der Frontscheibe ist hauptsächlich dann nötig, wenn das Dach komplett entfernt oder zur Seite geklappt bzw. der Vorderbau weggedrückt werden soll. Für den gleichen Zweck stehen aber noch weitere Möglichkeiten offen!

Das Dach kann beispielsweise nach vorne über die Frontscheibe geklappt werden. Dabei genügen zwei Entlastungsschnitte am Übergang von A-Säule zum Dachholm. Die Verbundglasscheibe bleibt gänzlich unberührt, obwohl genau so viel Platz gewonnen wird. Daneben besteht die Möglichkeit, die Verletzten nach hinten durch das Heck zu tunneln oder seitwärts durch eine große Seitenöffnung achsengerecht ins Freie zu bekommen.

Beim Wegdrücken des Vorderbaues reicht oftmals der Schnitt der A-Säule und dem damit verbundenen kurzen Schnitt in die Frontscheibe aus. Beim Drücken mit dem Zylinder reißt die Scheibe dann nach und nach weiter mit ein. Hier kann dann entsprechend noch leicht mit der Säge oder der Metallschneidklaue nachgeholfen werden, sollte sich der Vorderbau durch die Spannung im Glas nicht weit genug bewegen.

Frontscheibe als Zugangsöffnung

Glasmanagement: Zugangsöffnung in der FrontscheibeMuss die Frontscheibe entfernt werden um eine Zugangsöffnung zu bekommen (z.B. bei PKW in Seitenlage), muss zwangsläufig etwas mehr gesägt werden.

Auch hier bietet es sich wieder an, den Ansatzpunkt in einer der oberen Ecken zu setzen, damit von dort aus auf beiden Seiten weitergearbeitet werden kann (hier im Bild wurde die obere rechte Ecke gewählt und dann zunächst nach links und unten gesägt). Die zweite obere Ecke kann so wieder ohne Absetzen überbrückt werden. Auf dem Bild an der Seite erkennt man sehr gut, wie sich die Scheibe dann nach unten klappen lässt, ohne die vierte Seite ebenfalls sägen zu müssen.

Die scharfen Schnittkanten vor dem Einsteigen unbedingt entsprechend mit einem Kantenschutz versehen, damit sich niemand verletzen kann. Gerade in der Seitenlage befinden sich die scharfen Kanten schnell direkt am Hals und im Gesicht!

Nächster Artikel

Im zweiten Teil der kleinen Serie zum Glasmanagement geht es dann um das Einscheibensicherheitsglas das vornehmlich bei den Seitenscheiben eingesetzt wird. Hier gestaltet sich das Entfernen zwar deutlich leichter als beim Verbundglas, allerdings muss hier genauer überlegt werden, welche Scheiben entfernt werden und welche im Fahrzeug verbleiben. Der Artikel wird sich also hauptsächlich um das richtige Vorgehen und das „Management“ der Scheiben drehen.

Hier geht es zum 2. Teil: Die Besonderheiten von Einscheiben-Sicherheitsglas



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Der Autor dieses Artikels:

Patrick Allinger
Ich bin ein begeisterter Feuerwehrmann, der sich vor allem für den Bereich der technischen Hilfeleistung und für die Unfallrettung interessiert. Beruflich bin ich zuständig für das Produktmanagement bei WEBER RESCUE Systems in Österreich. Auf dieser Seite möchte ich mein gesammeltes Wissen an andere Einsatzkräfte und interessierte Besucher weitergeben, um sie im Einsatzalltag zu unterstützen.





  1. Erstmal Glückwunsch, eine tolle Zusammenfassung!

    Zum Thema Glasstaub binden, kann ich besonders jedem die Kübelspritze empfehlen, da sie immer mit dabei ist und doch sehr dosierbar einsetzbar ist.
    Einfach ein Stück über der Säge ansetzten und gleichzeitig mit dem Sägeschnitt Wasser abgeben.
    Die Bildung von Glasstaub wird fast vollständig verhindert, einfach probieren!

    Freue mich auf den zweiten Teil!

    mit besten Grüßen

    Pat
    Team Innenangriff.com



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