Allgemeines

29. März 2012

Was wird Rettern gelehrt?

Einer meiner sehr geschätzten Ausbilderkollegen in den USA Eric J Rickenbach hat heute einen wirklich erstklassigen Artikel auf seiner Seite Rescue Techs veröffentlicht, den ich euch nicht vorenthalten will. Es geht in dem Artikel darum, dass Unfallrettung immer patientenorientiert ist und daher auch die Einsatzkräfte der Feuerwehr wenigstens die grundlegenden medizinischen Komponenten beherrschen sollten. Das Hauptproblem sieht er hier bei den Ausbildern, weswegen gerade diese diesen Artikel unbedingt lesen sollten! Damit der Text leichter verständlich ist, habe ich versucht ihn so gut wie möglich ins Deutsche zu übersetzen. Das Original findet ihr hier: What Are Rescuers Being Taught?

Was wird Rettern gelehrt?

Vor kurzem war ich draußen bei einem schriftlichen Einsteiger-Test zur Unfallrettung, den ich ausgearbeitet habe und wurde von den Teilnehmern gefragt (und im weiteren Verlauf gegenargumentiert), was medizinische Fragen in einem Unfallrettungs-Test zu suchen haben. Das war nicht das erste Mal, dass mir diese Frage gestellt wurde und langsam beginnt es mich zu nerven. Ich fand mich selbst wieder einmal mit der Frage konfrontiert: „Was wird Rettern gelehrt?“

Die „NFPA 1670: Standard für Einsätze und Übungen für technische Such- und Rettungseinsätze“ (vergleichbar mit unserer FwDV 3) definiert den Begriff „Rettung“ eindeutig: „Die Tätigkeiten beim Auffinden von gefährdeten Personen bei einem Notfall, die Befreiung der Personen von der Gefahr, die Behandlung der Verletzten und die Vorbereitung für den Transport zu einem angemessenen Krankenhaus“ (Hervorhebung eingefügt). Es ist eindeutig, dass die NFPA erkennt, dass die Patientenversorgung ein wesentlicher Bestandteil der Rettung als solcher ist. Also warum gibt es Menschen da draußen, die „Retter spielen“, oder schlimmer: die Teilnehmer zu genau dem ausbilden ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass die Patientenversorgung ein Teil ihrer Arbeit ist?

In der heutigen Zeit muss jede Ausbildung zum Thema Unfallrettung einen Schwerpunkt zur Patientenversorgung beinhalten, einschließlich einer angemessenen Vermittlung von Sichtungs-, Erste-Hilfe- und Lagerungs-/Transport-Fähigkeiten. Ist das nicht der Fall, bilden wir die Teilnehmer nicht im Retten, sondern im Spielen mit ausgefallenen Werkzeugen und Zerschneiden von Metall aus. Aber das ist NICHT Retten, sondern „Wie zerlege ich ein Auto“! Wenn du nur ein Fahrzeug auseinander schneiden willst, dann geh auf den Schrottplatz und schneide Autos, aber reagiere nicht auf Notrufe, denn das Ergebnis ist, dass du nicht rettest.

Das soll jetzt aber nicht heißen dass Rettungskräfte nicht üben müssen, wie man Fahrzeuge zerschneidet. Mit der zunehmenden Technik in den Fahrzeugen ist es sehr wichtig das Fahrzeug und seine Komponenten zu verstehen. Dennoch dürfen wir nicht vergessen, warum wir in erster Linie an diesem Fahrzeug schneiden. Nämlich weil ein Patient aus dem Fahrzeug befreit werden muss. Auch in dieser Ausbildungs-Variante gibt es aber die Möglichkeit die Patientenversorgung im Blick zu behalten.

Auch die Teilnehmer, die nicht in der Lage sind (aus welchen Gründen auch immer) das EMS Zertifikat (geht in die Richtung PHTLS) zu erreichen, können grundlegende Erste-Hilfe-Maßnahmen erlernen – wenn schon aus keinem anderen Grund, als den EMS-Kräften zu assistieren. Die wichtigste Fähigkeit ist es, den Zustand des Patienten zu erkennen und die Auswirkungen auf die gesamten Rettungsmaßnahmen zu verstehen. Daneben sind es einfache Fertigkeiten wie die Vorbereitung des Patienten auf den Transport, die es den Rettungskräften möglich machen, als hilfreiches Mitglied in einem Rettungsteam zu arbeiten.

Jeder Ausbilder auf dem Gebiet der heutzutage draußen unterwegs ist muss eine effektive Patientenversorgung und Transportvorbereitung in seiner Ausbildung integrieren, egal in welchem „Level“ sich diese abspielt. In vielen Fällen ist die Unfallrettung der erste Berührungspunkt der Teilnehmer mit der Thematik „Rettung“, also muss von Anfang an auf den Patienten hingewiesen werden.

Wo ist ein großer Anteil der Schuld für dieses Problem zu suchen? Bei den Ausbildern! Wenn ein Ausbilder nicht in der Lage ist (oder schlimmer) nicht gewillt ist die Komponente der Partientenversorgung in seine Ausbildung einfließen zu lassen, dann würde ich sagen „Lass es bleiben“ (Ich würde gerne härtere Worte verwenden um dies auszudrücken, aber…). Manches hängt damit zusammen, dass einige Ausbilder das Konzept selbst nicht verstehen und/oder es sie einfach nicht interessiert. Wenn ein Ausbilder unfähig oder unwillig ist die Patientenversorgung mit in die Ausbildung aufzunehmen, dann erweisen sie damit ihren Teilnehmern nur einen „Bärendienst“ und letztendlich auch den Patienten.

Rettungskräfte (egal ob Einsatzkraft oder Ausbilder) müssen verstehen, dass eine Rettung patientenorientiert verläuft. Erst wenn dieses Verständnis bei allen vorherrscht – und erst dann – können wir von uns sagen, dass wir retten!

Anmerkung von meiner Seite:

Eric geht in seinem Artikel immer wieder auf die Transportvorbereitung und den Transport des Patienten selber ein. Das liegt einfach daran, dass dieser Part in den USA fast immer ebenfalls von der Feuerwehr übernommen und kein Rettungsdienst mit zur Einsatzstelle ausrückt. Aber auch wir werden beim Fixieren des Kopfes und der Befreiung aus dem Fahrzeug mit diesem Thema konfrontiert. Der Rettungsdienst kann uns diese Arbeit einfach auf Grund der fehlenden „Manpower“ nicht abnehmen und hat wichtigeres zu tun, als uns laufend Anweisungen zu geben. Zusätzlich müssen wir uns mit den Bedürfnissen des Rettungsdienstes auseinander setzen, damit wir uns nicht gegenseitig behindern. In allen anderen Punkten ist Eric hier aber ganz klar uneingeschränkt zuzustimmen!

Wie seht ihr das und wird bei euch die Patientenbetreuung bei jeder Übung und Ausbildung thematisiert?



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Der Autor dieses Artikels:

Patrick Allinger
Ich bin ein begeisterter Feuerwehrmann, der sich vor allem für den Bereich der technischen Hilfeleistung und für die Unfallrettung interessiert. Beruflich bin ich zuständig für das Produktmanagement bei WEBER RESCUE Systems in Österreich. Auf dieser Seite möchte ich mein gesammeltes Wissen an andere Einsatzkräfte und interessierte Besucher weitergeben, um sie im Einsatzalltag zu unterstützen.





  1. Florian Prosch

    Ein sehr guter Artikel! Danke auch an Patrick für die Übersetzung.

    Leider hört man im deutschsprachigen Raum, wo RD und FW in den Organisationen getrennt sind immer wieder, die wollen unseren Job übernehmen, wir sind die Rettung das machen wir usw.

    An dieser Stelle sollte man vielleicht nochmal klar sagen, dass es in diesem Bericht und auch in dieser Denkensweiße nicht im geringsten darum geht dem RD die Arbeit zu nehmen.

    Dennoch sollte man aber den Weg einschlagen und den Mitgliedern von Schwerpunktfeuerwehren die Basics der Traumaversorgung vermitteln und beispielsweise auf PHTLS schulen.

    Nur so kann man langfristig GEMEINSAM an dem selben Ziel Arbeiten und somit das Outcome des Patienten auf ein mögliches Maximum steigern.

    Der Umkehrschluss sollte aber auch sein, dass der RD genauso weiß um was es bei der Arbeit der Feuerwehr geht. Dass der RD weiß wie die Feuerwehr bei einer Patientenrettung aus einem verunfallten PKW arbeitet und welche Möglichkeiten und Mittel es dafür gibt.

    Beste Grüße aus Tirol und noch frohe Ostern!
    Flo


  2. Frank

    Hallo Leute.

    Das was hier in dem Bericht geschrieben steht ist doch nur eine Wunschvorstellung und sicherlich nur bei wenigen Feuerwehren machbar. Zum Glück haben wir in unseren Reihen Fachpersonal (Rettungsassi, sani’s USW). Bei uns im Saarland üben wir jedes Jahr die Zusammenarbeit mit dem RD. Das merkt man dann bei den Einsätzen. Wenn ich mich umschaue, dann stimmen doch bei vielen die Basics nicht. Ich denke da sollten man anfangen, was ja unsere Grundaufgabe ist!!!!! Darauf kann man dann aufbauen.

    Auf jeden Fall sollte man nicht so scharf urteilen…..wir machen das alle nur freiwillig…..die meisten von uns haben auch noch familie und Job .

    Gruß aus Freisen

    Frank


  3. Florian Prosch

    ja aber die freiwilligekeit kann keine Ausrede sein, dass man die Ausbildung nicht steigert und damit einen höheren Standard erreicht.

    Der Patient kann ja auch nichts dafür dass er in einem Einsatzgebiet einer freiwilligen Feuerwehr verunfallt. Er hat trotzdem das Anrechtz auf eine Maximalversorgung.

    Dass die Zusammenarbeit zwischen RD und FW schlecht ist wurde auch nie gesagt.
    Es geht darum den Kollegen von der „Fremdorganisation“ ein gewisses Grundwissen zu vermitteln.

    Ausserdem kann diees Wissen nicht nur dem Verunfallten zugute kommen, sondern auch vielleicht auch mal einem deiner Kameraden der sich vielleicht im Übungsdienst eine Verletzung zuzieht. Dann kann man die Zeit bis zum Eintreffen optimal überbrücken und im eventuell sogar durch die richtige Lagerung die Schmerzen nehmen bzw. lindern.


  4. Frank

    Du kannst ja mal zu uns kommen, und sehen wie es bei uns ist! Keiner versteckt sich hinter der FREIWILLIGKEIT !! Wir schicken unsere Leute auf den Feuerwehrsani.

    Ich hab auch nicht gesagt dass die Zusammenarbeit mit dem RD schlecht ist…musst Du besser lesen!

    Ich glaube hier macht jeder sein Bestes in seinem Rahmen.

    Und noch mal ….. Wir sind alle freiwillig und bekommen kein Geld dafür


  5. Martin

    Aus Sicht eines Lehrrettungsassistenten, der sowohl hauptamtlich wie auch ehrenamtlich und als Ausbilder aktiv ist, möchte ich mal Folgendes anmerken. Wer hier was transportiert ist unerheblich und freiwillig oder Hauptamtlich tut auch nichts zur Sache!
    Die Zusammenarbeit zum Wohle des Patienten ist das Einzige, was zählt und nicht „…wer hier was wem wie wegnimmt oder macht….“ Es ist Aufgabe BEIDER Seiten, aufeinander zuzugehen und evtl. Defizite in der Zusammenarbeit zu beseitigen. Leider funktioniert dies nicht flächendeckend. Was aber gefordert werden muss, ist, dass beide Seiten ihr Handwerk beherrschen, BEVOR sie den Bereich des anderen „betreten“. Wenn dann BEIDE Seiten noch was vom anderen dazu lernen und Patientenversorgung vor „Blech“ kommt und man draußen miteinander „redet“, dann klappts auch mit der Zusammenarbeit.

    Und Dir Patrick wünsche ich weiterhin viel „Muse“ für Deine Homepage !!!!


  6. Gabriel

    An sich finde ich den Bericht ja ganz gut, nur etwas pauschalisierend.
    Da ich selbst bei uns für die Kreisweite Ausbildung von Truppführern im Bereich der THL tätig bin und somit zumindest beurteilen kann, was auf Kreisebene ausgebildet wird, kann ich dem nicht ganz zustimmen. Also bei uns wird in jeder Praxisausbildung und in der entsprechenden Theorie, die Zusammenarbeit mit dem Rettungsdienst und entsprechende Maßnahmen der erweiterten ersten Hilfe angemerkt, erklärt und soweit möglich, auch praktisch dargestellt. Dies geht teilweise so weit, dass bei der Darstellung einer Fahrzeugrettung die Zeitverteilung nahezu 50/50 ist, was handwerkliche und medizinische Tätigkeiten betrifft. Ich würde allerdings nie meine Hand für alle ins Feuer legen. Denn leider erlebe ich oft genug, dass äußerungen kommen, wie „dann müssen wir den Patienten aus dem Fahrzeug schneiden…“ Was schon viel über die Verfahrensweise in der Feuerwehr und die Ansichten zeigt. Dummerweise dauerts ewig, bis man solche Ansichten aus den Köpfen bekommt und darüber hinaus kann man ja nicht jede einzelne Feuerwehr, bzw. deren Ausbildung kontrollieren.
    Gruß aus dem fernen Brandenburg
    Gabriel


  7. Mario

    Seit einem Wechsel in der Ausbildung unserer Feuerwehr machen das nun zwei Mitglieder, die beide im Rettungsdienst arbeiten und als RettAss bzw. RettSan ausgebildet sind. Hier gibt es nun fest im Dienstplan mehrere spezifische EH-Einheiten in denen die Basics explizit geschult werden.

    Bei den Ausbildungen zur technischen Unfallrettung wird auch immer auf die medizinische Rettung eingegangen. Dass man nebenbei die Feuerwehrangehörigen nicht mal eben zum RettSan ausbildet ist ja klar, aber die Grundlagen sollen und müssen sitzen. Genau so wie das Verständnis des Anderen, denn wenn (in einer perfekten Welt) jeder genau weiß was der andere macht, gemacht hat und als nächstes machen wird, dann (und leider nur dann) ist die optimale Vorraussetzung gegeben um die maximale Performance herauszukitzeln.

    Die Tatsache, dass dieses bei uns erst seit Jahresbeginn 2012 angestrebt wird, zeigt wie recht Eric hat. Was unserer Einheit zu Gute kommt, ist ein einschneidender Einsatz vor einigen Monaten, bei dem jedem auf erschreckend, reale Weise klar wurde, dass es eigentlich ein Luxus ist, dass der Rettungsdienst „ja ohnehin immer vor uns schon da ist“. So werden bei uns aktuell keine Stimmen laut, mit der Frage nach dem Warum.

    Fazit, bei uns wird mit Hochdruck daran gearbeitet jahrzentelange Defizite aufzuarbeiten, leider braucht es Zeit, die man eigentlich nicht hat, denn in der nächsten Sekunde kann dieses Wissen eingefordert werden…

    Gruß aus RLP

    Mario



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