Einsatztaktik

4. Dezember 2010

Rettungstechnik: Doppelschnitt in der A-Säule

Beim Doppelschnitt in der A-Säule handelt es sich um einen Trick, der auf Grund der hochverstärkten Fahrzeugsäulen und der dort verbauten Sicherheitskomponenten oft nicht mehr funktioniert. Nichtsdestotrotz kann er in manchen Situationen sehr hilfreich sein. Durch ihn wird verhindert, dass sich bei Vorhandensein des Daches die beiden freien Enden der A-Säule beim Wegdrücken des Vorderbaues ineinander verhaken. Vor allem beim Einsatz eines Spreizers im Fussraumfenster ist das sehr wichtig.

Doppelschnitt in der A-Säule

Der Doppelschnitt in der A-Säule des Unfallfahrzeuges bietet sich vor allem dann an, wenn das Fahrzeug auf allen vier Rädern steht und der Vorderbau auf einer Seite weggedrückt werden soll, ohne dass vorher das Dach abgenommen wurde. In einem früheren Artikel habe ich 5 Gründe, die gegen eine Dachabnahme sprechen aufgelistet. Da dieses Vorgehen also in vielen Fällen unnötig ist, bleibt das Dach öfters an seinem Platz, der Vorderbau muss aber trotzdem mit hydraulischer Kraft nach vorne bewegt werden, um eine eventuelle Einklemmung im Bein- und Kniebereich zu entfernen.

Dafür gibt es prinzipiell einmal drei Möglichkeiten:

  • Wegdrücken der A-Säule durch einen Rettungszylinder (Ansatzpunkt am Schweller der B-Säule)
  • Hochdrücken des Vorderbaues durch einen Spreizer im vorher geschaffenen Fussraumfenster
  • Hochdrücken des Armaturenbrettes durch einen kleinen Rettungszylinders im Fussraum

Bei allen drei Methoden sollte die A-Säule eingeschnitten werden, damit sich der Vorderbau leichter vom Eingeklemmten wegbewegen kann. Ist nun aber das Dach noch vorhanden, stehen sich die beiden freien Enden der durchtrennten Fahrzeugsäule direkt gegenüber und können sich sehr leicht ineinander verhaken, wodurch sich der Vorteil durch den eingebrachten Schnitt wieder zerstört. Dies liegt vor allem an der Tatsache, dass sich die A-Säule bei den drei Methoden nicht nur nach vorne, sondern auch nach oben und somit gegen das obere Ende der Säule bewegt. Besonders ausgeprägt ist diese Bewegungsrichtung bei der Verwendung des Spreizers im Fussraumfenster, da hier vor allem nach oben und weniger nach vorne gedrückt wird.

Die einfache Lösung für dieses Problem:
Wenn es durch die Strukturen am Fahrzeug möglich ist, sollten zwei Schnitte mit ungefähr 10-20 cm Abstand voneinander in die A-Säule eingebracht werden. Dabei ruhig auch etwas in die Frontscheibe hinein- schneiden, umso leichter kann sich der Vorderbau dann später bewegen. Der herausgetrennte Teil kann einfach auf die Seite geklappt werden und muss nicht komplett entfernt werden. Durch diese Maßnahme hat der untere Säulenteil genug Platz, um sich beim Drücken am oberen Teil vorbeizubewegen.

Probleme beim Doppelschnitt

Wie weiter oben schon erwähnt, können die Strukturen der Fahrzeugsäule gegen den Doppelschnitt sprechen. Ist die A-Säule wie bei fast allen aktuellen (modernen) Fahrzeugen aus hochfesten Materialien aufgebaut und durch eingebrachte Rohre zusätzlich verstärkt, wird das Schneiden sehr schnell aufwändig oder gar unmöglich (wenn die Leistung des Schneidgerätes zu gering ist). Außerdem können gerade in der A-Säule die Kaltgasgeneratoren für die Seitenairbags verbaut sein, wodurch sich der mögliche Bereich für die Schnitte zusätzlich einschränkt.

Es muss also bei jedem Fahrzeug einzeln geprüft werden, ob es in der Säule einen genügend großen Bereich gibt, in dem zwei Schnitte eingebracht werden können, ohne dass dort hochverstärkte Bauteile (Rohre) oder Sicherheitskomponenten (Airbag-Generatoren) verbaut sind. Dafür eignet sich natürlich besonders die Rettungskarte, die diesen Bereich auf den ersten Blick angibt, oder falls keiner vorhanden ist Klarheit schafft.

Durch die richtige Technik und neue leistungsstarke Schneidgeräte kann aber auch in hochverstärkte Bereiche gegangen werden, wenn dort keine Gasgeneratoren verbaut sind. Allerdings wird hier das Schneiden von gleich zwei Schnitten deutlich länger dauern. Wenn man aber die Zeit für das Entfernen des Daches (bei dem ja auch in die verstärkten Fahrzeugsäulen geschnitten werden muss) dagegenstellt, dürfte hier wesentlich schneller gearbeitet werden können.

Alternative zum Doppelschnitt

Skizze vertikaler Schnitt in der A-Säule

Skizze vertikaler Schnitt in der A-Säule

Ist der Doppelschnitt in der A-Säule durch die genannten Problematiken nicht möglich, das Dach aber trotzdem noch an Ort und Stelle, gibt es zumindest eine Alternative, die das Verhaken deutlich erschwert. Wird die Schere beim Einschneiden der Säule komplett vertikal gehalten, ergibt sich ein Schnittbild, das sich wesentlich seltener ineinander verklemmen kann. Hierbei kann es aber passieren, dass sich das Schneidgerät während dem Arbeitsschritt automatisch wieder in den rechten Winkel zur A-Säule zieht. In diesem Fall muss eben neu angesetzt und der Schnitt wie gewöhnlich durchgeführt werden. Einen Versuch ist es aber definitiv wert, wenn alle anderen Möglichkeiten wegfallen.

Habt ihr diese Methode schon einmal eingesetzt, oder Probleme mit dem Verhaken der A-Säule gehabt?



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Der Autor dieses Artikels:

Patrick Allinger
Ich bin ein begeisterter Feuerwehrmann, der sich vor allem für den Bereich der technischen Hilfeleistung und für die Unfallrettung interessiert. Beruflich bin ich zuständig für das Produktmanagement bei WEBER RESCUE Systems in Österreich. Auf dieser Seite möchte ich mein gesammeltes Wissen an andere Einsatzkräfte und interessierte Besucher weitergeben, um sie im Einsatzalltag zu unterstützen.





  1. Lukas

    Wir haben gestern wieder eine interne Ausbildung zum Thema Verkehrsunfallrettung durchgeführt. EInes der Szenarien: PKW frontal gegen ein Hindernis. Fahrer im Fuß- und Kniebereich eingeklemmt.
    Nach dem Schaffen einer Versorgungsöffnung (Fahrertür entfernt) haben wir den Forderwagen mittels Rettungszylinder angehoben/abgekippt um die Einklemmung zu lösen, ohne das Dach vorher entfernt zu haben.
    Zum Glück habe ich mir vorher deinen Artikel durchgelesen. An der A-Säule der Fahrertür haben wir den Doppelschnitt gesetzt und an der Beifahrerseite den vertikalen (schrägen) Schnitt wie oben beschrieben durchgeführt. Wir wollten beide Techniken mal ausprobiert haben. Leider war das „Versuchsobjekt“ ein Ford Ka, hatte elso keine besonders Verstärkten A-Säulen.
    Unserem Eindruck nach funktionierte der Doppelschnitt besser, als der vertikale, da dabei mehr Platz für die sich bewegende A-Säule geschaffen wird. Beim Vertikalen Schnitt ist die Schere etwas abgerutscht, sodass der schnitt nicht ganz im gewünschten Winkel gesetzt werden konnte. Es hat aber trotzdem gereicht, die Säulenteile haben sich nicht verhakt.

    Unsere Wehr steht noch relativ am Anfang der Ausbildung was die hydr. Rettungsgeräte angeht (Beschafft vor etwa einem Jahr) und so helfen die Tipps deiner Website viel weiter. Danke dafür.

    MfG Lukas


    • Freddy

      Moin, das mit dem „verrutschen“ der Schere haben wir auch. Scheint jedoch ein generelles Problem zu sein was auf den Aufbau eines solchen Rettungsgerätes schließen lässt?! Bei uns liegt der Rettungssatz auf dem RW. Beim ansetzen der Schere läuft diese immer in eine Richtung weg. Ich meine sie fängt an rechts weg zu kippen. Damit wir den erwünschten Schnitt erhalten, Setzen wir das Gerät im 45° Winkel versetzt an, sodas die Schere sich in den gewünschten Winkel selbsständig hinein zieht…..

      LG Feddy



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