Einsatztaktik

20. August 2010

Die Lageerkundung – Das muss der Einsatzleiter über das Unfallfahrzeug wissen

Der Einsatzleiter der Feuerwehr hält bei der technischen Rettung eines Patienten aus dem Unfallfahrzeug die Fäden in der Hand. Um dazu die richtigen Entscheidungen zu treffen und auch notfalls schnell auf einen Ausweichplan umschwenken zu können, muss er sich von Anfang an über das vorgefundene Unfallfahrzeug im Klaren sein. Nur so kann er ungefähr abschätzen, mit welchem Rettungsweg der Patient am effizientesten befreit werden kann und welche Parallelarbeiten und Nachforderungen hierzu notwendig sind.

Vorgehensweise bei der Lageerkundung

Der Einsatzleiter sollte sich für die erste Erkundung des Einsatzortes auf jeden Fall 3-5 Minuten Zeit nehmen, damit er alle für seine Entscheidung wichtigen Gegebenheiten aufnehmen und sich eine Einsatztaktik für die Rettungsarbeiten zurechtlegen kann. Diese Zeit hat er im Normalfall auch zur Verfügung, denn so lange laufen die Verkehrsabsicherung, eine eventuelle Ausleuchtung und der Aufbau der Geräteablage. Alle diese Punkte sollten auch ohne Anweisungen funktionieren.

Zunächst einmal sollte sich der Einsatzleiter das nähere Umfeld ansehen, um so Typ und Lage des Fahrzeuges beurteilen und eventuelle Gefahrenstellen (Hang, Fluss, auslaufende Betriebsstoffe, …) erkennen zu können. Anschließend sollte eine komplette Runde um das Fahrzeug gedreht werden, um so einen vollständigen Überblick über die Lage und mögliche Zugangswege zu erhalten und kleinere Details erkennen zu können.

Wichtige Daten, die erkundet werden müssen

Da sehr viele unterschiedliche Informationen benötigt werden, macht es Sinn die Erkundung in mehrere Phasen ein zu teilen, damit nichts vergessen wird und ein gewisser Themenbezug zwischen den einzelnen Schritten besteht.

Typ, Aufbau und Lage des Fahrzeuges

  • Um welchen Fahrzeugtyp handelt es sich?
  • Ist es ein besonderes Modell? (wichtig für Rettungskarten und CRS)
  • Gibt es Besonderheiten beim Aufbau? (Kombi, Panoramadach, …)
  • Antriebsart des Fahrzeuges? (Diesel, Erdgas, Wasserstoff, …)
  • Wie liegt das Fahrzeug? (Seiten-, Dachlage oder am Baum)

Zugangsmöglichkeiten und Sicherheitssysteme

  • Welche Türen sind zu öffnen? (von Hand)
  • Sind schon Scheiben zerstört?
  • Haben Airbags ausgelöst und wie viele sind noch vorhanden
  • Ist noch Strom vorhanden (Warnblinker testen)
  • Haben Gurtstraffer ausgelöst und können die Gurte gefahrlos entfernt werden?

Patienten und deren Verletzungen

  • Wie viele Personen befinden sich im Fahrzeug?
  • Gibt es Anzeichen auf weitere Personen?
  • Gibt es Einklemmungen?
  • Besteht die Gefahr eines Hängetraumas?
  • Ist eine Crash-Rettung nötig?

Fahrzeugbeladung und weitere Besonderheiten

  • Was befindet sich außer den Verletzten im Fahrzeug?
  • Geht von der Beladung im Kofferraum eine Gefahr aus? (Gasflaschen, Chemikalien, …)
  • Hat das Fahrzeug besondere Beschriftungen? (Handwerksbetrieb, Spediteur, …)
  • Gibt es ein Länderkennzeichen? (Sprache der Insassen)
  • Laufen Betriebsstoffe aus?

Alle diese aufgelisteten Informationen können während dem Einsatzverlauf wichtig werden und sollten daher direkt bekannt sein, um schnell handeln zu können. Sind mehrere Fahrzeuge im Spiel ist es zudem noch wichtig zu wissen, welche Farbe das Fahrzeug besitzt, damit klare und eindeutige Kommandos gegeben werden können.

Handelt es sich bei dem verunglückten Fahrzeug um einen LKW oder Bus spielen natürlich noch ganz andere, speziellere Faktoren und Informationen eine Rolle. Hier soll es aber nur um die Erkundung bei Verkehrsunfällen mit PKW gehen.

Verwendung der gewonnenen Informationen

Mit Hilfe aller gesammelten Erkenntnisse kann der Einsatzleiter nun einen geeigneten Rettungsweg der Patienten erarbeiten und festlegen. Wenn möglich sollte schon in diesem Stadium die Meinung und Einschätzung des Notarztes eingeholt werden, damit nicht aneinander vorbei gearbeitet wird.

Passend zur dann festgelegten Rettungstaktik können Anweisungen an den Angriffstrupp gegeben werden. Zum Beispiel, wo unterbaut werden soll, wie und wo die Erstöffnung gemacht wird und welche Variante für die Versorgungs- und Befreiungsöffnung vorgesehen ist. All diese Anweisungen sollten vom Einsatzleiter visuell am Fahrzeug angezeigt werden. Dies ist entweder durch Markierungen mit einem geeigneten Pastenmarker oder durch speziell erhältliche Magnettafeln möglich.

Dank der zu Beginn gesammelten Daten zum Fahrzeug kann nun, falls vorhanden, eine Rettungskarte des Fahrzeuges oder gar das Crash-Recovery-System (CRS) genutzt werden, um weitere wichtige Informationen über den Aufbau und die vorhandenen Sicherheitseinrichtungen zu erhalten.
Ist dies nicht der Fall muss der arbeitende Trupp durch den inneren Retter unterstützt werden, um den Innenraum und die versteckten Gefahrenstellen vor der Wahl der genauen Schnittführung zu kontrollieren.

Fazit

Für den Einsatzleiter gestalten sich die ersten Minuten sehr schwierig, denn er muss innerhalb kürzester Zeit eine ganze Palette von Informationen in Erfahrung bringen um dann daraus den besten Rettungsweg fest zu legen. Allerdings lassen sich einige der Punkte mit einem einzigen Blick abarbeiten und in den meisten Fällen wird er recht zeitnah vom Rettungsdienst unterstützt, so dass die Erkundung der Patienten wegfällt.
Es zeigt sich aber deutlich, dass er in den ersten Minuten keine Zeit hat, seiner Mannschaft grundlegende Anweisungen für die Verkehrsabsicherung, den Aufbau der Geräteablage oder des Brandschutzes zu geben. Hier muss die Mannschaft eigenständig und eigenverantwortlich arbeiten und die Grundlagen beherrschen, damit eine ruhige, schnelle und korrekte Erkundung möglich wird.



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Der Autor dieses Artikels:

Patrick Allinger
Ich bin ein begeisterter Feuerwehrmann, der sich vor allem für den Bereich der technischen Hilfeleistung und für die Unfallrettung interessiert. Beruflich bin ich zuständig für das Produktmanagement bei WEBER RESCUE Systems in Österreich. Auf dieser Seite möchte ich mein gesammeltes Wissen an andere Einsatzkräfte und interessierte Besucher weitergeben, um sie im Einsatzalltag zu unterstützen.




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