Einsatztaktik

23. Juli 2010

5 Gründe die gegen eine Dachabnahme sprechen

Im Bereich der Unfallrettung scheint sich in Deutschland die grundlegende Meinung eingebürgert zu haben, dass das Dach zur achsengerechten Befreiung des Patienten immer abgenommen werden muss. Obwohl dieses Vorgehen bei neueren Fahrzeugen immer schwieriger und vor allem zeitaufwändiger wird, scheint es fast schon zum Grundbestandteil jeder technischen Rettung zu gehören. Doch es gibt auch gute Gründe, die gegen ein Entfernen des Daches sprechen!

Ist die Dachabnahme immer sinnvoll und zielführend?

Eines ist ganz klar: Das Entfernen des Daches bringt den Rettungskräften den größtmöglichen Platzgewinn für die achsengerechte Rettung der eingeklemmten Insassen. Es gibt aber auch entscheidende Gründe, die trotz einer eventuellen Verletzung der Wirbelsäule gegen eine Abnahme des Daches als Befreiungsöffnung sprechen:

  • Zeitaufwand der Rettungsarbeiten
    Durch die in modernen Fahrzeugen verbauten hochfesten Säulen, verklebten Scheiben und versteckten Sicherheitskomponenten in den Holmen wird das Entfernen des Daches immer kraft- und zeitaufwändiger. Eine Rettung innerhalb der Golden Hour of Shock ist kaum noch möglich.
  • Auskühlung der Patienten
    Je mehr umschließende Fahrzeugteile noch intakt und vorhanden sind, desto besser sind die Fahrzeuginsassen vor einer Auskühlung geschützt. Denn bei hohem Blutverlust kühlt der menschliche Körper selbst bei sommerlichen Temperaturen sehr schnell aus.
  • Schutz vor Niederschlag
    Solange das Dach des Unfallfahrzeuges noch vorhanden ist, sind die Insassen weitestgehend vor jeglichem Niederschlag (Regen, Schnee, Hagel) geschützt. Dies wirkt gleichzeitig auch einer Auskühlung entgegen und erspart den aufwändigen Schutz mit Planen oder Decken.
  • Abschirmung vom Arbeitslärm
    Gleichzeitig schützt das Dach zusammen mit den restlichen noch vorhandenen Seitenteilen die Patienten vor dem Arbeitslärm von Aggregaten, Motoren und anderen Arbeitsgeräten im direkten Umkreis. Diese Lärmkulisse ist keinesfalls zu unterschätzen und wird im Schockzustand noch einmal deutlich lauter wahrgenommen.
  • Schutz vor Schaulustigen
    Das Fahrzeugdach bietet außerdem einen recht guten Schutz vor den neugierigen Blicken der Schaulustigen am Unfallort. Somit bleibt die Privatsphäre der Verletzten geschützt.

Geht es auch anders?

Vor allem nördlich gelegene Länder wie Schweden und Norwegen zeigen, dass es auch anders geht. Hier spielt die Dachabnahme, hauptsächlich wegen den niedrigen Temperaturen und der hohen Nieder- schlagwahrscheinlichkeit, kaum eine Rolle bei der Unfallrettung. Stattdessen bedient man sich dort alternativen Befreiungsöffnungen wie der „Großen Seitenöffnung“ (beide Türen + B-Säule) und der Rettung durch die Heckklappe.
Reicht hierbei der Platz nach oben nicht aus um ein Spineboard einzubringen bzw. um den Patienten achsengerecht zu befreien, kann das Dach durch einen Rettungszylinder ein Stück nach oben gedrückt oder im Heckbereich umgeklappt werden.

Fazit

Die Dachabnahme kann in einigen Fällen durchaus zielführend und angebracht sein. Man sollte aber immer im Hinterkopf behalten, dass sie auch ihre negativen Seiten mit sich bringt und es verschiedene Alternativen gibt. Hier muss eine kritische Abwägung der Vor- und Nachteile erfolgen und es darf nicht generell von der Entfernung des Daches ausgegangen werden.

Wie steht ihr zu diesem Thema? Wird das Dach generell abgenommen, oder nur unter maßgeblichen Umständen?



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Der Autor dieses Artikels:

Patrick Allinger
Ich bin ein begeisterter Feuerwehrmann, der sich vor allem für den Bereich der technischen Hilfeleistung und für die Unfallrettung interessiert. Beruflich bin ich zuständig für das Produktmanagement bei WEBER RESCUE Systems in Österreich. Auf dieser Seite möchte ich mein gesammeltes Wissen an andere Einsatzkräfte und interessierte Besucher weitergeben, um sie im Einsatzalltag zu unterstützen.





  1. firefox05c

    Das das Dach unter bestimmten Umständen vielleicht doch drauf bleiben kann, ist ein interessanter Gedanke, dessen Umsetzung im Einzelfall geprüft werden sollte. Im Allgemeinen bin ich ebenfalls der Meinung, das das Abnehmen des Daches zu einem Dogma geworden ist, über das keiner mehr nachdenkt. Das ist bestimmt nicht immer richtig.
    Man kann die Extraktion jedoch auch so planen, das das Dach erst am Ende der technischen Maßnahmen abgenommen wird, wodurch bis zum Schluß der Schutz durch das Dach gegeben ist und am Ende doch eine große Öffnung entsteht.
    Der Hinweis auf die nördlichen Länder ist wertvoll: Man sollte viel öfter über den Tellerrand schauen.


  2. Jon

    Hi

    I can understand your comments and views, however where it can be achieved a complete roof removal remains the golden standard for a casualty centred rescue, creating maximum space for casualty access and evasive life saving airway management.

    The final roof cut can be made seconds before casualty removal is required, reducing any effects from the climate (rain,wind etc)

    If due to casualty injuries we do not have time for a roof removal due to New tech and also older vehicles, we will then carry out rapid ex techniques, this must not be confused with roof removal in a controlled release.

    Prying eyes should not be an issue if correct scene management is set up, this should not be used as a reason not to carry out a complete roof removal when one is needed.

    Leaving the roof on offers very little shielding from noise, and is really not an issue.

    where a roof removal is needed we should be doing it. Lets not get into the reasons as to why we should not carry out a roof removal, it is a casualty centred rescue, lets not forget that, risk v benefit.

    If the casualty is badly injured noise or limited exposure to the elements is not a major concern, carrying out the right extrication plan and techniques is!

    Sorry i do not mean to pull apart this topic, debate for constructive learning is always good.

    keep up the good work 🙂


  3. First Responder

    Moin,
    Zum Beitrag:
    Der Zeit und Kraftaufwand ist ein berechtigtes Problem.
    Auskühlen des Patienten ist nicht das große Problem, erst Unterkühlung wird zum Problem.
    Niederschlag ist meines Erachtens auch zu vernachlässigen, da die Dachabnahme meist unmittelbar vor der Patientenrettung erfolgt.
    Da am Fahrzeug gearbeitet wird bietet das Dach wohl kaum Lärmschutz.
    Schaulustige dürften wohl gar nicht in der Nähe des Fahrzeuges sein!
    Ich bevorzuge eigent lich nur aus Zeitgründen die Große Seitenöffnung.
    Dieses ist meine persönliche Meinung und soll zu Diskusionen anregen.



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