Ausrüstung

19. Juli 2010

Halligan-Tool – Ein unverzichtbares Hilfsmittel bei der Unfallrettung

Das Halligan-Tool (auch Hooligan-Tool oder Haligan-Bar genannt) ist ein sehr universell einsetzbares und praktisches Hilfsmittel, sowohl für den Innenangriff als auch für die Technische Hilfeleistung.

Es dient in erster Linie als Hebel- und Brechwerkzeug und kann durch seine drei integrierten Werkzeuge etliche andere Geräte ersetzen. Gerade bei Verkehrsunfällen findet es häufig Einsatz und bietet hier eine sinnvolle Ergänzung zu den bestehenden Rettungsgeräten.

Für den Bereich Unfallrettung ist vor allem die Version mit Metallschneidklaue interessant, während das Halligan-Tool mit Hebeklaue eher im Brandfall und bei Türöffnungen zum Einsatz kommt.

Ausführungen

Wie schon angedeutet, gibt es grundsätzlich zwei verschiedene Ausführungen des Halligan-Tools, diese unterscheiden sich aber nur an der einzelnen unteren Klaue. Diese steht als Metallschneidklaue (Blechaufreißer) und als Hebeklaue (Geißfuß) zur Verfügung.
An der gegenüberliegenden Seite haben beide Versionen zum einen eine im 90°-Winkel zum Stiel angebrachte keilförmige Klinge und einen dazu im 90°-Winkel abstehenden hakenförmigen Dorn. Durch die geraden Flächen auf der Rückseite bietet sich hier die Möglichkeit, die jeweilige Klinge mit einem geeigneten Schlagwerkzeug in das zu hebelnde Material einzutreiben.

Der Stiel, bestehend aus einem runden oder sechskantigen Querschnitt, ist in unterschiedlichen Längen (zwischen 700 mm und 1.000 mm) erhältlich und besitzt eine geriffelte Oberfläche, die ihn besonders rutschfest macht.

Weitere Unterschiede zwischen den einzelnen Modellen liegen im verwendeten Material (Stahl, Aluminium, nicht-zündfunkenreißende Legierungen) und der Verbindung der einzelnen Komponenten (aus einem Stück gegossen, geschrumpft, gesplintet).

Einsatzmöglichkeiten bei der Unfallrettung

Bei der Abarbeitung eines Verkehrsunfalles bieten sich zahlreiche Möglichkeiten, bei denen das Halligan-Tool zielführend eingesetzt werden kann. Daher gehört es meiner Meinung nach zur Grundausstattung jeder Wehr, denn damit kann auch schon ohne hydraulischen Rettungssatz eine adäquate Vorarbeit geleistet werden. Ich werde im Folgenden bei der Aufzählung der einzelnen Einsatzmöglichkeiten von der Version mit Metallschneidklaue ausgehen, da diese in meinen Augen bei der Unfallrettung wesentlich mehr Sinn macht.

  • Spalt schaffen Spalt schaffen mit dem Halligan-Tool
    Mit der keilförmigen Klinge kann in kürzester Zeit ein Spalt für den Einsatz des Spreizers geschaffen werden. Die Klinge wird hierfür beispielsweise in den Türspalt an der Schlossseite eingesteckt. Anschließend kann durch eine Drehung des Halligan-Tools ein ausreichend großer Spalt geschaffen werden, in den die Spreizerspitzen ohne weiteres hineinpassen.
  • Frontscheibe aufreißen
    Als Alternative zur Glassäge des Glasmanagement kann zum Entfernen der geklebten Frontscheibe auch die Metallschneidklaue eingesetzt werden. Durch einfache Hebelbewegungen kann die Scheibe aufgerissen werden. Dabei entsteht kein gesundheitsschädlicher Glasstaub, sondern lediglich größere Glassplitter, die durch eine einfache (durchsichtige) Folie vom Patienten ferngehalten werden können.
  • Bodenblech aufreißen Bodenblech aufreißen mit dem Halligan-Tool
    Um bei Fahrzeugen, die auf dem Dach liegen, ein Fussraumfenster zur Untersuchung zu schaffen, kann wie bei der Frontscheibe ebenfalls die Metallschneidklaue eingesetzt werden. Um hier einen Ansatzpunkt zu schaffen, kann der Dorn (sehr vorsichtig!) in eines der Entlüftungslöcher eingeschlagen werden, um dieses durch Hebelbewegungen aus zu weiten.
  • Fahrzeugteile aufhebeln
    Wie mit jedem anderen Brechwerkzeug lassen sich mit dem Halligan-Tool natürlich auch einzelne Fahrzeugteile aufhebeln. So zum Beispiel die Heckklappe, die Motorhaube oder aber eine Fahrzeugtür, für die die reine Muskelkraft nicht ausreicht, aber ein hydraulisches Rettungsgerät übertrieben wäre. Hier kann man sich im übrigen auch wieder eine Menge Arbeit ersparen, wenn man das Schloss mit einem Gummiball oder Keil frei gibt!
  • Unterbauung einschlagen
    Wenn mit Rüsthölzern und Keilen unterbaut wird, kann diese Unterbauung mit dem Halligan-Tool für einen sicheren Sitz eingeschlagen werden. Hierbei ist aber auf jeden Fall mit äußerster Vorsicht vorzugehen, um keine all zu großen Erschütterungen auf das Unfallfahrzeug zu übertragen!

Das waren natürlich noch lange nicht alle Bereiche, bei denen das Halligan-Tool eingesetzt werden kann. Prinzipiell eignet es sich immer und überall um die Arbeit mit den hydraulischen Rettungsgeräte zu unterstützen, man muss nur daran denken. Die oben aufgeführten fünf Einsatzmöglichkeiten zeigen jedoch recht anschaulich die flexiblen und universellen Anwendungsmöglichkeiten.

Besitzt eure Wehr ein Halligan-Tool und wenn ja, wird es auch regelmäßig eingesetzt?



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Der Autor dieses Artikels:

Patrick Allinger
Ich bin ein begeisterter Feuerwehrmann, der sich vor allem für den Bereich der technischen Hilfeleistung und für die Unfallrettung interessiert. Beruflich bin ich zuständig für das Produktmanagement bei WEBER RESCUE Systems in Österreich. Auf dieser Seite möchte ich mein gesammeltes Wissen an andere Einsatzkräfte und interessierte Besucher weitergeben, um sie im Einsatzalltag zu unterstützen.





  1. Hallo Patrick,

    toller Beitrag. Welche Entlüftungsöffnungen meinst Du beim Punkt „Bodenblech aufreißen“?

    Danke und schöne Grüße

    Florian


  2. Hallo Florian, freut mich das dir mein Artikel gefällt!

    Zu deiner Frage:
    Das Bild dazu ist zwar etwas klein, wenn du aber genau hinsiehst, erkennst du ziemlich genau in der Mitte zwischen Metallschneidklaue und Ellbogen des Kameraden eine runde Vertiefung.

    Dabei handelt es sich um eine der zahlreichen Entlüftungsöffnung, die in den meisten Fällen nur von einer Plastikabdeckung geschützt werden.


  3. Hallo Patrick,

    danke für die Antwort!


  4. Frederic

    Unser Angriffstrupp soll in vielen Fällen das Halligan Tool mitnehmen. Man muss eben dran denken und sich klarmachen, dass man auch mit Werkzeugen weiter kommt, die keinen Krach machen, blinken und laut sind – So komplett Feuerwehruntypisch eben. Heißer Tipp ist auch immer wieder das Brecheisen, vorallem wenn man mal was hochdrücken will – Die Formel aus der Mechanik kennt man ja von Lehrgängen. Beeindruckend! 😉

    Wir haben relativ wenige Verkehrsunfälle, daher kommt das Halligan Tool meistens bei Brandeinsätzen zum Einsatz. Viele Anwendungsbeispiele, die du hier aufgezählt hast, lassen sich auch auf verschiedenste andere Einsatzszenarien übertragen.


  5. Thomas

    Interessanter Artikel! Wir haben ein Halligan-Tool mit Hebeklaue. Es wurde vor allem für Brandeinsätze und Türöffnungen beschafft. Für THL haben wir einen Blechaufreisser einzeln an Bord.


  6. beich44

    Hallo, haben das Halligen kürzlich beim Frontscheibe aufreißen getestet. War nicht sehr Überzeugung was den Anfall an Glasstaub angeht. Die gebrauchte Zeit allerdings ist nicht viel langsamer als mit der Glassäge. Sonst ist das Halligen für die TH unerlässlich. Man muss seine Leute halt immer wieder erinnern das es noch andere Techniken gibt als den Spreizer.


  7. Benedikt

    Hallo, wegen der Frontscheiben aufreißen. Wenn der PKW in Dachlage ist ist es bei der Dachentfernung sehr gut geeignet. Mit der Glassäge kannst da ja wegen dem möglichen Bodenkontakt nicht arbeiten. Wurde uns erst am Samstag von Patrick gezeigt:-)


  8. Sebastian

    Tach auch…

    Meiner ganz persönlichen Meinung nach sollte man jedoch NUR das Original von „Paratech“ USA verwenden.
    Die Variante von Dönges (im obersten Bild zu sehen) ist nicht annähernd so gut. Gerade die Hebelklaue ist zu breit, zu flach und nach innen nicht verjüngt. Das macht sie in vielen Fällen nutzlos.



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