Grundlagen

23. Juni 2010

Golden Hour of Shock – Optimierung der Einsatzzeit

Bei der Rettung von Verletzten aus Unfallfahrzeugen spielt die Zeit eine wesentliche Rolle. Damit die Rettungskräfte eine grobe Vorgabe haben und nicht zu verschwenderisch mit der Zeit umgehen, gibt es die „Golden Hour of Shock“. Diese Stunde stellt aber keine starre Richtzeit dar, die auf keinen Fall überschritten werden darf, sondern lediglich ein Ziel, das so gut wie möglich erreicht werden sollte. Wie man den eigenen Einsatzablauf optimieren kann, um den 60 Minuten relativ nahe zu kommen, versuche ich nun mit einigen Tipps zu erklären.

Warum genau eine Stunde?

Das erklärte Ziel der Golden Hour of Shock ist es, dass der Patient spätestens eine Stunde nach dem Unfallhergang in der Klinik ankommt, damit die Wahrscheinlichkeit einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes möglichst gering bleibt. Dieser Wert von 60 Minuten wurde aus einer Vielzahl von Statistiken und Studien abgeleitet und gibt daher einen sehr guten Anhaltspunkt, der bei einem durchschnittlichen Verletzungsmuster eines vorher gesunden Menschen recht präzise zutrifft.

Die Verschlechterung des Gesundheitszustandes folgt vor allem aus der Unterversorgung von Organen (bei schwereren Verletzungen zentralisiert sich der Körper und versorgt nur noch lebenswichtige Organe wie Gehirn und Herz) oder einer Vergiftung durch Zirkulationsstörungen. Ein halbwegs gesunder Mensch kann diese Zentralisierung etwa eine Stunde lang kompensieren, bevor es zum Versagen einzelner Organe kommt. Meistens fängt dieser Ausfall bei den Nieren an und führt dann nach und nach zu Multiorganversagen.

Optimierung des Einsatzablaufes

In den meisten Fällen wird die Golden Hour of Shock in drei Zeitbereiche zu je 20 Minuten unterteilt. Dabei entstehen folgende drei Abschnitte, die sehr gut von einander abzugrenzen sind:

  • Alarmierung und Anfahrt
  • Rettung des Patienten
  • Versorgung und Transport

Auch für die Darstellung der Optimierungsmöglichkeiten bietet es sich an, diese Unterteilung bei zu behalten, denn in jedem Abschnitt gilt es andere Hebel zu aktivieren, um die Einsatzzeit zu verkürzen.

Alarmierung und Anfahrt

Dieser Bereich lässt sich zunächst noch einmal in weitere 3 etwa gleich große Abschnitte unterteilen. Natürlich hängt die genaue Verteilung der Zeiten von den örtlichen Gegebenheiten ab, sollte aber so gut wie immer in diesen Bereichen liegen.

Golden Hour of Shock - Alarmierung und Anfahrt

Golden Hour of Shock – Alarmierung und Anfahrt

Wie man schon der Grafik rechts entnehmen kann, handelt es sich dabei um die Meldung des Unfalls an die Leitstelle, die Alarmierung der Einsatzkräfte zum Gerätehaus (inklusive Anziehen der Einsatzkleidung) sowie die Anfahrt zur eigentlichen Einsatzstelle.

Diese Zeiten stehen allerdings alle recht fix, optimieren kann man hierbei als Feuerwehr nicht besonders viel!
Auf den Zeitpunkt der Unfallmeldung und die darauffolgende Alarmierung durch die Leitstelle hat man keinen Einfluss und auch die Anfahrt der Einsatzkräfte zum Feuerwehrhaus lässt sich nicht so einfach verkürzen.
Lediglich bei der Anfahrt zur Einsatzstelle lässt sich durch folgende Punkte eine gewisse Optimierung betreiben:

  • Straffung der Alarm- und Ausrückeordnung (AAO)
    Beispielsweise ein kleineres Fahrzeug mit Staffel- oder Truppbesatzung zuerst besetzen, um möglichst schnell Vorarbeiten leisten zu können (Erkundung, Betreuung, Absicherung).
    Als weitere Maßnahme kann hier vor allem tagsüber direkt die nächstgelegene Feuerwehr mit Rettungssatz in die AAO mit aufgenommen werden.
  • Ortskenntnisse schaffen bzw. verbessern
    Geht es beispielsweise über die Umgehungsstrasse trotz längerem Weg schneller als durch den Ort? Welche Straßen sind durch Baustellen nicht befahrbar?
  • Fahrertraining / Sicherheitsfahrtraining
    Ein geübter und routinierter Fahrer kommt nicht nur sicherer für Besatzung und Verkehrsteilnehmer an die Einsatzstelle, sondern meistens auch etwas schneller.

Durch diese Maßnahmen kann man nun zwar nicht sonderlich viel Zeit gut machen, aber selbst 3-4 Minuten sind später bei der zeitintensiveren Rettung viel wert!

Rettung des Patienten

Auch hier lässt sich der Gesamtbereich wieder in drei kleinere Teilbereiche untergliedern. Allerdings hängt hier die Verteilung der Zeitverhältnisse stark vom angetroffenen Unfallbild an der Einsatzstelle ab. Zur Veranschaulichung gehe ich aber wieder von etwa gleich großen Abschnitten aus.

Golden Hour of Shock - Rettung des Patienten

Golden Hour of Shock – Rettung des Patienten

Bei diesen Abschnitten handelt es sich im Einzelnen um die Absicherung der Unfallstelle, der Erstöffnung mit vorherigem Unterbauen und dem Schaffen einer Versorgungsöffnung für den Rettungsdienst. Natürlich laufen hier dann zeitgleich weitere Maßnahmen wie das Batterie- und Glasmanagement, sowie das Innenraum-Scanning ab.
Dieser Bereich der „Golden Hour of Shock“, der wie bereits bekannt ebenfalls nur 20 Minuten kurz ist, umfasst die meisten Arbeiten und bietet daher auch das größte Einsparungspotential! Hier nur einige Kriterien, mit denen viel Zeit gespart werden kann:

  • Deutliche Verkehrswarneinrichtungen an den Fahrzeugen
    Dadurch muss die zusätzliche Verkehrsabsicherung im ersten Moment nicht ganz so umfangreich ausfallen, muss aber auf jeden Fall sobald freies Personal verfügbar ist beendet werden.
  • Absicherungsmaterial organisieren
    Beispielsweise alles wichtige Absperrmaterial auf einer fahrbaren Ein-Mann-Haspel verlasten (weniger Personal gebunden, keine doppelten Wege).
  • Leistungsstarke Rettungsgeräte
    Damit können unter anderem Schnitte ohne Nachsetzen gemacht werden.
  • Umfangreiche Ausbildung
    Wenn viele Alternativen für einen Arbeitsschritt bekannt sind, kann man oftmals eine wesentlich kürzere Rettungszeit realisieren. Ebenso sind die Handgriffe automatisierter und sitzen meistens gleich beim ersten Versuch.
  • Teamarbeit mit dem Rettungsdienst
    Eine eindeutige Kommunikation und Absprache mit dem Rettungsdienst hilft dabei am gleichen Ziel zu arbeiten. Außerdem steht man sich nicht gegenseitig im Weg.
  • Kleine Hilfsmittel einsetzen
    Mit einfachen kleinen Hilfsmitteln lassen sich oftmals komplizierte Arbeitsvorgänge deutlich vereinfachen oder sie verhindern unnötige Nachfragen und doppelte Arbeitsschritte.
    Mehr dazu in der Kategorie Kleine Helfer

Wenn nur ein paar der oben genannten Maßnahmen umgesetzt werden, lässt sich dadurch gewaltig viel Zeit einsparen. Vor allem die regelmäßige praktische Ausbildung (auch in Zusammenarbeit mit Nachbarwehren und Rettungsdienst) beschleunigt das Arbeiten an der Einsatzstelle enorm. Besonders gravierend wirkt sich diese Einsparung dann bei Unfällen mit modernen, hochfesten Fahrzeugen aus, die nicht nur durch ihren Aufbau Rettungsgeräte und Einsatzkräfte an ihre Leistungsgrenzen bringen, sondern auch noch durch ihre Elektronik für weitere Schwierigkeiten sorgen.

Versorgung und Transport

Im letzten Abschnitt stehen mit Ausnahme der eigentlichen Befreiung die Tätigkeiten des Rettungsdienstes auf dem Plan. Daher ist auch hier von seiten der Feuerwehr eine Beschleunigung der Arbeiten schwer durch zu setzen.

Golden Hour of Shock - Versorgung und Transport

Golden Hour of Shock – Versorgung und Transport

Aufgeschlüsselt in die bekannten drei Abschnitte geht es in diesem Bereich nun noch um die Befreiung des Patienten aus dem Fahrzeug, also die Befreiungsöffnung, die Versorgung durch den Rettungsdienst vor Ort und den abschließenden Transport in die Klinik zur weiteren Behandlung. Wenn hier die bereits erwähnten Maßnahmen konsequent durchgeführt wurden, ist bereits die Basis für eine schnelle Rettung aus dem Unfallfahrzeug gelegt.

Da für die Befreiungsöffnung das gleiche wie bei der Versorgung- und Erstöffnung gilt, werde ich hierauf nicht mehr weiter eingehen, sondern noch einen genaueren Blick darauf werfen, wie die Feuerwehr den Rettungsdienst optimal bei seiner Arbeit unterstützen kann, um hier auch noch einmal etwas Zeit für den Patienten zu gewinnen.

  • Unterstützung des Rettungsdienstes
    Auch Feuerwehrmänner ohne medizinische Kenntnisse können den Rettungsdienst unterstützen, indem sie die Geräte zusammenräumen und zum Fahrzeug tragen, bzw. helfen, den Patienten zu versorgen.
  • Parkordnung ab Einsatzbeginn
    Wenn schon ab dem ersten Fahrzeug an der Einsatzstelle eine durchdachte Parkordnung beibehalten wird, kann der Rettungsdienst nach der Versorgung die Einsatzstelle wesentlich schneller verlassen.
  • Rechtzeitige Anforderung eines Rettungshubschraubers
    Schon zu Beginn der Rettungsarbeiten sollte darüber nachgedacht werden, ob ein RTH erforderlich wird, um den Patienten schnellstmöglich und schonend in die Klinik zu fliegen. So erspart man sich unnötige Wartezeiten und beschleunigt den Transport!
  • Krankenhaus genau informieren
    Zwar eher eine Aufgabe des Rettungsdienstes, aber warum sollte der Hinweis nicht auch von einem Feuerwehrmann kommen können? Die Klinik sollte rechtzeitig über das genaue Verletzungsmuster unterrichtet werden, damit dort bereits alles bereit steht, wenn der Patient eintrifft.

Wenn nun alles rund gelaufen ist, sollte der Patient innerhalb oder zumindest nicht weit von den 60 Minuten entfernt im Krankenhaus eingetroffen sein und hat somit gute Chancen, dass ein Organversagen und eine Vergiftung des Körpers direkt verhindert werden können.

Ausnahmen zur Golden Hour of Shock

Eins sollte natürlich klar sein: Die Golden Hour of Shock kann nur bei Standardfällen angewandt werden! Bei einer nötigen Crash-Rettung aufgrund von starken Blutungen oder eines Herzstillstandes ist diese Zeitvorgabe natürlich viel zu lang. Dagegen steht die Rettung bei einer alleinigen Verletzung der Wirbelsäule. Hier können die Rettungsarbeiten auch durchaus wesentlich länger dauern, um den Patienten so schonend und achsengerecht wie möglich aus dem Fahrzeug zu bekommen. Aus diesem Grund ist eine Absprache mit dem Notarzt zwingend erforderlich, um den genauen Ablauf und die Zeitspanne der Rettungsarbeiten zu klären.

Wird die „Golden Hour of Shock“ bei euch angewandt und könnt ihr die Zeit grob einhalten?



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Der Autor dieses Artikels:

Patrick Allinger
Ich bin ein begeisterter Feuerwehrmann, der sich vor allem für den Bereich der technischen Hilfeleistung und für die Unfallrettung interessiert. Beruflich bin ich zuständig für das Produktmanagement bei WEBER RESCUE Systems in Österreich. Auf dieser Seite möchte ich mein gesammeltes Wissen an andere Einsatzkräfte und interessierte Besucher weitergeben, um sie im Einsatzalltag zu unterstützen.





  1. Ralf

    Hallo Patrick,

    eine sehr gelungene und informative Website! Vielleicht kann man ja in den Artikel „Golden Hour of Shock“ noch die Rettungsmodi „schnell, sicher, schonend“ einfließen lassen, damit man von dem Begriff „Crash-Rettung“ Abstand bekommt.

    VG Ralf


    • Hallo Ralf,

      die drei Säulen der Rettung (schnell, sicher, schonend) werden demnächst in einem eigenen Artikel behandelt!
      Der Begriff „Crash-Rettung“ hat meiner Meinung nach immer noch seine Daseinsberechtigung, allerdings nur mit dem Zusatz patientenorientiert…


  2. Jon

    We have moved away from the Golden Hour to what is now called the Golden Period.

    A change noted in the PHTLS manual.

    Where by due to the geographical location of incidents, number of entrapped casualties and new vehicle technology, the hour is not always achievable, so we look at the golden period, which is providing the best medical and physical rescue we can in the time it takes to get to the operating table from the time the incident happened.

    Jon


  3. Tim

    Hallo Patrick,

    nee, der Begriff Crash-Rettung hat im Bereich THL nix mehr zu suchen!

    Schaut man mal bei dict.cc findet man

    to crash

    krachen
    abstürzen
    zerschmettern
    zusammenbrechen
    zusammenstoßen
    in Konkurs gehen

    crashen [ugs.]

    zum Absturz bringen
    pleitegehen [ugs.]
    pleite gehen [ugs.] [alt]
    Pleite gehen [ugs.] [alt]
    aviat. Bruch machen [ugs.: bruchlanden]
    to crash [coll.] [to sleep]

    Findest Du einen Begriff der zu dem Begriff „Crash-Rettung“ passt? Also, lass uns bei den deutschen Begriffen bleiben, schließlich sind diese in der neuen vfbd-Richtlinie auch definiert…

    Grüße,

    Tim


  4. Hallo Tim,

    da hast du natürlich absolut recht!
    Mir gefällt der Begriff Sofortrettung auch deutlich besser, da dieser genau das aussagt um was es geht.
    Ich verwende den Begriff der Crash-Rettung auch nur noch sehr selten und meistens nur um kurz darauf oder in Klammer von der Sofortrettung zu sprechen. Also ein fließender Übergang um genau zu verdeutlichen das ich mit der SR die CR meine!

    Werde das demnächst aber auch in diesem Artikel anpassen 😉


  5. Andrea

    Hi!
    deine seite ist wirklich gut gemacht,nur bei der „goldenen stunde des schocks“ bist du leider nicht auf dem richtigen stand.
    die goldene stunde beschreibt nicht den zeitraum zwischen alarmierung und dem eintreffen im krankenhaus, sondern den zeitraum vom unfallgeschehen bis zur definitiven versorgung im OP-Saal.


  6. Rainman

    Andrea hat recht! Leider wird das immer wieder verwässert. Die durchschnittliche präklinische Verweildauer in Deutschland beim Schwerverletzten beträgt z.Zt. ca. 71 Minuten!!! Dann kommt die Schockraumphase und der Weg in den OP. Dafür kann man nochmals 40-60 Minuten dazurechnen, das macht 110 bis 130 Minuten, bis der Patient einer definitiven Versorgung (operative Blutstillung, Versorgung von Knochenbrüchen etc.) zugeführt wird. Die golden hour of shock hat Trunkey, ein Militärchirurg, beschrieben, das ist keine neue Erfindung! Und die Zeit, die draußen verloren wird, fehlt zur Erstversorgung in der Klinik. Es ist nachgewiesen, dass mit der Länge der präklinischen Verweildauer des Verletzten hinterher – wenn ihr euch schon nicht mehr an den Einsatz erinnert – die Komplikationsrate (bis hin zum Tod) zunimmt! Wir sind hier in Deutschland nicht gut, sondern noch immer viel zu langsam!


  7. Felix

    Hallo

    Nun mal von der Theorie in die Praxis die GHOS lässt sich durch aus anwenden wenn man es treniert , bei uns dauert eine THL Rettung Vu 35 min mit der übergabe an Rettungsdienst . Wir unterscheiden jedoch immer noch zwischen der Sofort Rettung und der Schonenden Rettung und Koordienieren dies mit dem Notarzt .
    Viele der Gerettenden sagen nach ihrer Genässung Danke bei uns , es bedarf ruhe bei der Rettung einer verletzten Person und erklären was man tut um Ängste zwischen Verleztem und Rettungspersonal abzubauen , man sollte immer die Einsatzgrundsätze beachten und bei einem Vu sollte man Besonnen heran gehen .
    Bei uns wird daher zwischen SR und Schonender Rettung unterschieden sowie von dem nach rückendem Personal die Ablageplätze vorbereitet so das der Trupp vom Rw sich auf die Rettung konzentrieren kann den rest erledigt die HLF Besatzung .



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