Grundlagen

16. Mai 2010

AIRBAG-Regel – Sechs Faustregeln für mehr Sicherheit!

Den meisten wird zu dem Begriff Airbag-Regel die altbekannte Abstandsregel „30-60-90“ einfallen. Das ist aber nur einer von sechs Punkten, die im Zusammenhang mit dem Sicherheitssystem Airbag beachtet werden müssen!

Allerdings ist es gar nicht immer so leicht, alle Punkte einzuhalten, da oftmals Zeit und Platz fehlen. Daher werde ich versuchen im Folgenden zu erklären, welche Punkte immer beachtet werden müssen um die Sicherheit für sich selbst und die Patienten zu erhöhen und auf welche Punkte bei Zeitmangel auch verzichtet werden kann.

Das Sicherheitssystem Airbag

Den Airbags kommt eine immer größere Rolle zu wenn es darum geht, in neuen Fahrzeugen für die Sicherheit der Insassen zu sorgen. Schon lange wird daher nicht mehr nur auf Frontairbags gesetzt, stattdessen kommen viele weitere Airbagtypen hinzu, die je nach Unfallsituation ausgelöst werden können.

  • Fahrerairbag
  • Beifahrerairbag
  • Seitenairbag
  • Rücksitzairbag
  • Heckairbag
  • Kopfairbag
  • Knieairbag
  • Sitzairbag

Gesteuert wird die Auslösung über ein Steuergerät, das meistens in der Mittelkonsole verbaut wird. Dieses wertet die eingehenden Signale der verschiedenen Sensoren aus und entscheidet dann, ob eine Auslösung der Airbags notwendig bzw. sinnvoll ist. Ausgelöst werden die Airbags durch Gasgeneratoren mit bis zu 500 bar, die meist in den Fahrzeugholmen untergebracht sind.

Gefahren durch Airbags

Zunächst einmal muss klar gestellt werden, dass das Thema Gefahren durch Airbags meist viel zu überzogen dargestellt wird. Das Risiko, das von den Airbags ausgeht ist überschaubar und kann durch das Einhalten von einfachen Faustregeln fast bis auf „Null“ gesenkt werden.
Weltweit sind bisher nur eine handvoll Unfälle mit auslösenden Airbags während Rettungsarbeiten dokumentiert und alle sind auf ein falsches Verhalten der Rettungskräfte zurück zu führen. Einer dieser Zwischenfälle wurde durch Zufall gefilmt. Der Filmauschnitt zeigt deutlich, welche Kräfte von auslösenden Airbags ausgehen können. Hinweis: Die Hintergründe dieses Airbag-Unfalles in Dayton wurden inzwischen sehr gut aufgearbeitet.

Gefährliche Situationen für Rettungskräfte und Patienten können allerdings nur während den eigentlichen technischen Rettungsmaßnahmen auftreten. Daher geht für Ersthelfer und Rettungsdienst zunächst keine Gefahr von den Airbags aus. Folgende Gründe können zum nachträglichen Auslösen führen:

  • Beschädigung von Gasgeneratoren durch Schneidarbeiten
  • Elektrische Kurzschlüsse beim Durchtrennen von Leitungen
  • Druckbeanspruchung der Sensoren (nur bei alten Fahrzeugen mit mechanischen Sensoren)
  • Arbeiten am Airbagsteuergerät (Mitteltunnel)

Beide Situationen können durch die Anwendung der nun folgenden Faustregeln so gut wie ausgeschlossen werden!

AIRBAG-Regel – Was muss beachtet werden?

Die AIRBAG-Regel besteht aus sechs einfachen Faustregeln, die während den Rettungsarbeiten beachtet werden müssen, um das Risiko einer Auslösung zu minimieren.

Abstand von den Airbags halten (30-60-90 Regel)

Innenraum genau erkunden

Rettungskräfte vor nicht ausgelösten Airbags warnen

Batteriemanagement durchführen

Abnehmen der Innenraumverkleidung

Gefahr an den Airbag-Komponenten beachten

Das Entfernen der Innenraumverkleidung und das Abklemmen der Batterie gestaltet sich aber oftmals sehr zeitintensiv, oder ist aufgrund der Verformung des Fahrzeuges bzw. des Einbauortes nicht möglich. Aus diesem Grund kann man bei gegebenem Anlass auf diese Maßnahmen (I-B-A) verzichten, muss dann aber die verbleibenden Punkte (A-R-G) um so mehr beachten und einhalten!
Alternativ helfen hier visuelle Fahrzeuginformationen weiter, um schnell die Einbauorte von Airbags und anderen Sicherheitskomponenten zu finden. Solche Informationen können entweder über Rettungskarten oder über das computergestützte Crash-Recovery-System eingeholt werden.

Abstand von den Airbags halten, die „30-60-90-Regel“

Sobald die oben genannten Gründe für eine nachträgliche Auslösung bestehen, also während der Arbeit mit Rettungsgeräten, muss ein ausreichender Abstand von den verbauten Airbags gehalten werden. Hierzu ist es natürlich nötig zu wissen, wo im Fahrzeug Airbags verbaut sind (Innenraum erkunden).
Um nicht in den Gefahrenbereich der Airbags zu geraten, muss ein Abstand von 90 cm zum Beifahrerairbag, 60 cm zum Fahrerairbag und 30 cm zu den Seiten-, Knie- und Kopfairbags eingehalten werden.

Innenraum erkunden – Airbag-Scanning

Vor Beginn der Rettungsarbeiten muss der Innenraum genau erkundet werden. Den Einbauort von Airbags kann man an Einprägungen an der Innenraumverkleidung erkennen. Da es aber immer noch keinen Standard gibt, können die Kennzeichnungen „AIRBAG“, „RS“ (Rückhaltesystem) und „SRS“ (Sicherheitsrückhaltesystem) vorkommen. Aber auch bereits ausgelöste Airbags können Hinweise auf weitere vorhandene Airbags geben.

Rettungskräfte warnen – Klare Kommandos

Nach der Erkundung des Innenraumes müssen alle Rettungskräfte über nicht ausgelöste Airbags und die verbauten Sicherheitskomponenten informiert werden! Einbauorte von Airbags und Gasgeneratoren können beispielsweise mittels Magneten oder einfachen Markierungen mit Ölkreide für alle gekennzeichnet werden.
Vor allen Schneid- und Spreizarbeiten muss durch ein klares Kommando („Vorsicht, wir spreizen“) sichergestellt werden, dass alle Rettungskräfte die Sicherheitsabstände einhalten und die Patienten geschützt werden.

Batteriemanagement

Nach dem Abklemmen aller Batterien ist eine Auslösung der Airbags im Prinzip ausgeschlossen. Allerdings besteht eine gewisse Restspannung, die aber durch das Betätigen der Warnblinkanlage überprüft werden kann. Zudem kann es beim Abklemmen der Batterie zu einem Interessenskonflikt kommen, da der Strom auch noch für Erleichterungen bei der Rettung verwendet werden kann (Sitzverstellung, Fensterheber, …).
Zu diesem Thema wird es aber in der nächsten Zeit einen eigenen, ausführlichen Artikel geben.

Abnehmen der Innenraumverkleidung

Diese Maßnahme ist notwendig, um den genauen Einbauort der Sicherheitskomponenten zu erkennen. Nur so kann eindeutig festgelegt werden, in welchen Bereichen ohne Gefährdung geschnitten werden kann. Die Innenraumverkleidung lässt sich z.B. mit einem kleinen Schraubenzieher effektiv entfernen. Besonders wichtig sind hierbei die Fahrzeugsäulen und die Dachreling, da sich hier fast immer die Gasgeneratoren und Gurtstraffer befinden, in die auf keinen Fall geschnitten werden darf!
Durch den Einsatz von visuellen Fahrzeuginformationen kann dieser Vorgang extrem beschleunigt werden.

Gefahren an den Airbag-Komponenten beachten

In allen Bereichen in denen Airbag-Komponenten verbaut sind, ist erhöhte Vorsicht geboten!
Daher sollten möglichst keine Arbeiten im Bereich von nicht ausgelösten Airbags durchgeführt und nicht in Airbag-Komponenten hineingeschnitten werden. Vor allem im Bereich des Steuergerätes im Mitteltunnel muss mit Vorsicht vorgegangen werden. Außerdem gilt, dass zwischen Airbag und Patient, sowie auf Airbagabdeckungen keinerlei Gegenstände platziert werden dürfen.
Von bereits ausgelösten Airbags geht in der Regel keine Gefahr mehr aus. Die dazu gehörigen Gasgeneratoren können allerdings noch längere Zeit sehr heiß sein.

Fazit

Von nicht ausgelösten Airbags und deren Komponenten geht eine große Gefahr für alle Personen im Gefahrenbereich aus! Allerdings ist diese Gefahr sehr leicht zu kontrollieren, wenn einfache Regeln eingehalten werden. Die meisten der hier aufgeführten Regeln müssen sowieso im Laufe der Rettungsarbeiten für andere Zwecke angewandt werden, kosten also keine zusätzliche Zeit. Es ist nur wichtig, dass sie rechtzeitig durchgeführt werden und damit das Risiko einer Auslösung von Anfang an ausgeschlossen wird.

Ausführliche Informationen zum Thema Airbag gibt es auf der Seite http://airbag.feuerwehr.org



Artikel teilen:

Der Artikel hat dir gefallen? Dann teile ihn doch bitte mit deinen Freunden:


Der Autor dieses Artikels:

Patrick Allinger
Ich bin ein begeisterter Feuerwehrmann, der sich vor allem für den Bereich der technischen Hilfeleistung und für die Unfallrettung interessiert. Beruflich bin ich zuständig für das Produktmanagement bei WEBER RESCUE Systems in Österreich. Auf dieser Seite möchte ich mein gesammeltes Wissen an andere Einsatzkräfte und interessierte Besucher weitergeben, um sie im Einsatzalltag zu unterstützen.





  1. Birkenfeld, Udo

    Nicht zu Unterschätzen sind die 500 grad heißen Gase, die aus einem Airbag austreten.
    Das ergeben im Gesicht Verbrennungen 1. und zeiten Grades.

    Starke Gehörminderung durchen Airbag-Knall zieht sich lange hin, so dass Unfallopferbefragungen länger nicht möglich sind.
    Personenrettung bei älteren Unfallopfern mit Abknipsen des Daches nicht mehr möglich.

    Dringend erfoderlich ist eine Airbagplazierungskarte ggf. am Dachhimmer oder bei der Feuerwehr hinterlegt pro Autotyp.
    Umklare Airbagplazierungrn gefährden Feuerwehr und Retterungshelfer.

    Die alte Sofortrettung ist Geschichte.

    Patrick Allingers Wissen sollte der ITLS Germany Oganisation mitgeteilt werde.



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.